Für alle Fälle ausgerüstet

Eine Woche Ostseeurlaub lag vor mir – wie schön. Seit Wochen freute ich mich auf meine jährliche „Auszeit“ vom Alltag und natürlich wollte ich perfekt vorbereitet sein. Wie die Jahre vorher hatte ich Matratze, Kopfkissen und Schlafsack ins Auto gepackt sowie was zu essen und Klamotten für alle Wetterverhältnisse. Für den Strand sollte meine uralte Strandmuschel als Schutz vor Wind und eventuellen  Regenschauern herhalten, ich hatte sie extra ganz frisch imprägniert. Als ich sie vor Abreise probeweise im Hof aufgestellt hatte, fielen mir die Ostseeurlaube mit den Kindern ein, wie lang das schon wieder her ist …

Nicht zu unterschätzen bei all den Reisevorbereitungen ist der ganze Kleinkram, den man beim Autocamping braucht (oder auch nicht). Wasserkanister, Wäscheleine und -klammern, Campinglampe, Ersatzbatterien, Insektenspray, Regenschirm, Klopapier, Essbesteck usw. usw. Auch heuer wieder die größte Herausforderung für mich und die ewige Frage:  Hab ich an alles gedacht? Ich hatte nicht! Das fiel mir aber erst ein, als ich schon unterwegs war. Kondome! Wie konnte ich nur die Kondome vergessen? Ohne geht gar nicht, nicht am Meer! Sie sind definitiv ein absolut unverzichtbarer Bestandteil meiner Reiseausrüstung, die Dinger sollte man auf gar keinen Fall vergessen, wenn man schwerwiegende Folgen vermeiden will. Schon der Sicherheit wegen. Okay, dann musste ich mir also noch schnell welche besorgen.

Die ersten drei Nächte, bevor es weiter Richtung Ostsee gehen sollte, verbrachte ich recht komfortabel in einem schicken Gasthof nahe Treffurt. Als Mitglied eines Forums hatte ich mich zum jährlichen Treffen mit anderen Teilnehmern verabredet, um ein interessantes Wochenende zu erleben. Bis zum Beginn des Treffens am Freitagnachmittag, blieb mir noch genügend Zeit, um eine kleine Spritztour durch die Gegend zu unternehmen. An einem Supermarkt hielt ich an, um mir ein paar Getränke und die absolut unverzichtbaren Kondome zu kaufen. Die Getränke fand ich schnell, die Kondome nicht. Wo findet man sowas überhaupt im Supermarkt? Keine Ahnung! Vielleicht im Regal bei den Kosmetikartikeln für Männer? Fehlanzeige. Zwischen Duschbad, Rasierschaum, Aftershave, Deospray u.a. war nichts zu finden. Hmmm, die Dinger wird’s doch hier irgendwo geben? Da ich keine Lust hatte, mit der Suche noch mehr Zeit zu verplempern, fragte ich eine Verkäuferin, die geschäftig mit einer Kollegin ein Regal umsortierte. „Entschuldigen sie bitte, wo find ich hier denn Kondome?“ Der Kopf der anderen Verkäuferin schnellte beim Ausspruch des Wortes „Kondome“ sofort zu mir herum. Zwei neugierige Augen musterten mich unverhohlen und mit viel Interesse an meiner Person von oben bis unten (der ihr Kopfkino hätte mich mal interessiert …), während die andere mir freundlich mitteilte, dass die im Regal hinter der Kasse stehen. Ich bedankte mich, warf der glotzenden Verkäuferin einen vielsagenden Blick zu, stöberte noch ein bisschen bei den Zeitschriften rum und lenkte meinen Einkaufswagen zielstrebig Richtung Kasse. Es waren zwei Kassen besetzt. Ich stellte mich an der Kasse an, hinter der ich das betreffende Regal sah. Vor mir war nur eine Kundin, die ihrem Einkauf nach zu urteilen entweder für eine Großfamilie einkaufte oder sich mit Lebensmitteln eindeckte, um für eine bevorstehende Katastrophe gerüstet zu sein. Zeit für mich die verschiedenen Verpackungen zu beäugen und schon eine Vorauswahl zu treffen. Alle möglichen Farben und ein paar Geschmacksrichtungen standen zur Auswahl. Ich wusste genau, was ich wollte: farblos und ohne Geschmack. Als meine Vorgängerin endlich das Band abgeräumt hatte und ich an der Reihe war, äußerte ich mein Begehren und es schien mir, als ob die Dame leicht errötete und erleichtert war, dass ich genau wusste, was ich wollte und ihr dadurch eine ausführliche Beschreibung der Vorzüge der einzelnen Produkte erspart blieb. „Ja Hilfe, ist das so außergewöhnlich, dass hier jemand Kondome einkaufte? Am Ende sind die noch überlagert und halten den kommenden Belastungen nicht mehr stand?“ mutmaßte ich. Oder lag es daran, dass ich eine Frau bin? Ich kam mir ja fast schon frivol vor! Obwohl – eigentlich kann ich mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal welche gekauft hatte. Bestimmt schon hundert Jahre her oder so. Bisher bin ich immer ohne sie in den Urlaub gefahren – wie leichtsinnig von mir! Ts ts ts, geradezu unglaublich!

Zurück in meinem Gasthof holte ich eins aus seiner Verpackung. Das schlabbrige Ding baumelte, nachdem ich es aufgerollt hatte, lustlos zwischen Daumen und Zeigefinger und ich stellte fest, dass ich es sooo definitiv nicht verwenden konnte. Zuerst musste mal dieses glitschige Zeugs da ab. Vorsichtshalber packte ich noch ein zweites Teil aus, immer besser, wenn man einen Ersatz parat hat so für alle Fälle, ne? Im Waschbecken behandelte ich die beiden Teile dann rigoros mit warmen Wasser und Seife, stülpte sie ein paar Mal um, spülte sie dann sorgsam mit klarem Wasser aus und trocknete sie mit einem Handtuch vorsichtig von außen und innen, indem ich sie nochmal umstülpte. Es schienen alle Reste des Gleitgels beseitigt zu sein, prima! Ich legte die beiden Kondome nebeneinander auf die Armlehne eines Stuhls, damit sie über Nacht vollständig trocknen konnten. Sah schon irgendwie komisch aus, wie die zwei Dinger da rum hingen und ich konnte mir ein Grinsen einfach nicht verkneifen. Unter keinen Umständen durfte ich vergessen, sie am nächsten Morgen vor dem Verlassen des Zimmers abzunehmen und im Schrank zu verstauen. Was würde sonst das Personal vom Zimmerservice denken!?

20170819_225957

Am nächsten Tag stand eine Busfahrt in einem historischen Bus auf dem Plan. Bei einem Stopp in Eisenach spazierten wir durch die Fußgängerzone. Das Wetter war perfekt. Wir schleckten Eis, beobachteten dabei ein Brautpaar, das aus einem Gebäude hinter der Kirche kam und von den Gästen gratuliert wurde. Als gegen Ende der Zeremonie rote Herzluftballons gen Himmel stiegen … Unwillkürlich runzelte sich angestrengt meine Stirn. Da war doch was? Luftballon – Ballon – Blasen – Gummi … NEIN! Ein kalter Schauer des Schreckens überlief mich. Die Kondome! Ich hatte sie vergessen! Wie doof aber auch! „Jetzt denken die im Hotel, dass ich geizig bin oder verrückt oder pervers oder was weiß ich. Ich werde bei Nacht und Nebel auschecken müssen, damit ich keinem mehr in die Augen schauen muss!“ schoss es mir durch den Kopf. Oder ganz cool tun: „Wieso, ihr benutzt die wohl nur einmal? Was für eine Verschwendung. Man muss doch auch mal an die Umwelt denken!“ Den Rest des Tages war ich mir nicht sicher, ob ich über mein Versäumnis lachen oder mich peinlich berührt fühlen sollte.

Zurück im Gasthof stellte ich

  1. fest: Sie hingen noch über der Armlehne.
  2. dass es sich hierbei um eine echt außergewöhnliche „Deko“ handelte und
  3. musste ich laut loslachen. Lachen ist sowieso meist das beste Mittel gegen Peinlichkeiten.

Am übernächsten Tag, ich aalte mich entspannt am Ostseestrande, sah ich doch tatsächlich ein Pärchen, das belustigt damit beschäftigt war, Kondome über ihre Handys zu stülpen. Na also, bin ich nicht die Einzige hier am Strand, die dieses Video auf YouTube gesehen hat. Ich muss euch sagen, mein Handy hat sowohl Sand als auch Nässe am Strand unbeschadet überstanden. Dank sorgsam gewaschener, elegant übergestülpter und fest verknoteter Überzieher. Da kommt nix rein und der Anblick ist – naja – sagen wir mal – irgendwie besonders  😉

Also wundert euch nicht, wenn ihr an der Wäscheleine in unserem Hof frisch gewaschene Kondome hängen seht – immerhin geht es auf den Winter zu. Was gegen Sand gut ist wird auch bei Schnee helfen, gelle?

Grad denke ich darüber noch, ob man Kondome nicht auch anderweitig verwenden kann. Ihrer Form nach könnt ich mir gut vorstellen, sie im Notfall auch zur Verhütung zu verwenden, oder?

KRIMI total „Der Hanf des Verderbens“

Eigentlich hatte ich einen schlechten Tag und der Tag davor war auch schlecht. Ich wollte mich schon abmelden, doch damit wäre unser geplantes Krimi-Dinner ins Wasser gefallen. Schwierig, so kurzfristig einen Ersatz zu finden. Also raffte ich mich mühsam auf und versuchte mich in meine Rolle hinein zu denken. Das Thema: Hippiekommune, Ende der 60er Jahre. Ich: „Adelheid, 32, der lebende Beweis, dass Sex, Drugs and Rock`n Roll der Schönheit förderlich sind“. Haha, bei dieser miesen Stimmung! In meiner Rollenbeschreibung stand, dass ich nicht auf den typischen Hippieschlabberlook stehe, sondern sexy Klamotten im floralen Design trage. Hm, eine Herausforderung! Während ich Sauerkrautbrötchen und Zupfbrot zubereitete (jeder sollte was mitbringen), wühlte ich gedanklich schon mal meine Garderobe durch, etwas später praktisch. Es dauerte nicht lang und im ganzen Zimmer verstreut lagen irgendwelche Klamotten rum. Die Auswahl an Sachen im floralen Design + sexy war nicht wirklich ergiebig und in Unterwäsche konnte ich ja nun weißgott nicht zur Krimiparty aufkreuzen. Schließlich entschied ich mich für ein Kleid, dass zumindest annähernd in die Richtung „floral“ ging und mir gerade noch so passte. Den Saum raffte ich über dem Knie etwas nach oben – fertig. Auf der Wiese hinter dem Garten hatte ich Blumen für meine Haare gepflückt und mit ganz viel Schminke im Gesicht identifizierte ich mich so langsam mit meiner Rolle  – Adelheid guckte mir aus dem Spiegel entgegen.

Adelheid aus der Hippiekommune

Es war ein wunderschöner Abend! Unsere lockere, bunt zusammengewürfelte Gruppe hatte ein gemütliches Plätzchen unter einem alten Baum im Hof des Schlosses von Weitersroda gefunden und nach ein paar Spielrunden den Mordfall, der auf der Insel der Hippiekommune passiert war, gelöst. Es war lustig und wir waren alle echt gut drauf. Meine schlechte Laune war wie weggeblasen und wir verabschiedeten uns in Vorfreude auf den nächsten „Kriminalfall“.

Die anstrengende Arbeitswoche verlangte so allmählich ihren Tribut. Ich war müde und wollte nur noch heim in mein Bett und schlafen. Chris und Grit fuhren vor mir im Auto und ich musste schmunzeln, wenn ich an so manche lustige Situation des Abends dachte, an die coolen Outfit´s der Anderen, die Kommentare …  Nur jetzt nicht einschlafen beim Fahren, ein paar Minuten durchhalten noch, dann …

Plötzlich sah ich dieses Licht vor mir, dass sich auf und ab bewegte. Also ich hatte definitiv keinen Alkohol intus! Die Rücklichter des Autos von Chris waren plötzlich verschwunden. Es liefen Menschen auf der Straße herum. Was machen die da mitten in der Nacht? Oh, Polizei! Auch das noch! Ich musste anhalten und ließ auf das Handzeichen eines Polizeibeamten hin meine Scheibe herrunter.

„Guten Abend, Fahrscheinkontrolle. Ihre Fahrzeugpapiere mal bitte.“

„Och, nö, oder? Warum denn? Hab ich was falsch gemacht?“

„Geben Sie mir einfach nur ihre Fahrzeugpapiere.“

Umständlich kramte ich diese aus meiner bodenlos scheinenden Handtasche heraus und gab sie (leicht genervt) an den Beamten weiter. Haben die denn um diese Zeit nichts Besseres zu tun, ich war doch so müde und wollte einfach nur schnell heim. Neben dem Polizisten stand noch einer. Waren da nicht vorhin drei Polizisten? Wohin ist denn der Dritte plötzlich verschwunden? Wissen die etwa schon, was passiert war? Ich kam gar nicht dazu, mir darüber weiter den Kopf zu zerbrechen, als ich bemerkte, wie der erste Polizist meine Papiere an den anderen weiter gab. Vielleicht hatte er seine Brille nicht dabei oder ihm gefiel mein Passbild nicht … Er musterte mich interessiert und hatte scheinbar vor, sich noch ein bisschen mit mir zu unterhalten. Seufz! Sieht er denn nicht, dass ich müde bin? Doch ich musste ihm antworten, es fiel mir spontan keine Alternative ein.

„Was haben sie denn heut Abend getrunken?“

„Ach, alles Mögliche, bunt durcheinander. Aber keinen Alkohol, falls Sie das meinen. Unsere Kommune hat dem Alkohol total abgeschworen, müssen Sie wissen.“

„Kommune?“

„Na, ich komme doch drüben von der Insel. Wir leben dort schon seit über drei Jahren in einer Kommune zusammen. Jetzt sagen Sie bloß, Sie wissen das nicht? Ist doch schließlich Ihr Revier hier, oder?“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Hier gibt es keine Insel. Geht es Ihnen gut?“

„Na klar geht’s mir gut. Bis eben zumindest war ich richtig gut drauf. Okay,  im Moment könnte es besser sein. Also eigentlich geht’s mir NICHT wirklich gut. Ich bin hundemüde und will heim ins Bett. Ich hatte die letzten Nächte nur wenig Schlaf. Der Abend heute war auch lang, Mitternacht ist schon vorbei, mir wird langsam kalt und dann dieser Mord … Die ganze Hanfernte wurde uns auch noch geklaut. Außerdem wollte José nicht mit mir nach Ibiza fliehen, der Scheißkerl …“ (Ach, guck an, da war ja plötzlich auch der dritte Polizist wieder und guckte mich genauso irritiert an, wie die beiden anderen. Haben die was? Gefallen ihnen meine Blumen im Haar nicht oder ist es wegen der vielen Schminke, die ich nicht wirklich professionell aufgetragen habe (wäre nur Johanna da gewesen, die kann so schön schminken …).  Ich vermutete, die sind total übermüdet, überarbeitet oder sie langweilen sich und wollen mir ein Gespräch aufdrängen. Mehr Möglichkeiten fielen mir gerade nicht ein. Am besten ich sage alles, was ich weiß, dann lassen sie mich ziehen, dachte ich. Immerhin war ich unschuldig.

„Wo ist denn jemand gewaltsam zu Tode gekommen?“

„Hab ich das etwa behauptet? Ach ja, hab ich. Also gut: Die Proble-Muschi hat´s erwischt. Ähhhm, die Problem-Uschi natürlich. Aber ehrlich gesagt, es stört mich nicht. Die alte Schlampe hat sich an meinen Knackarsch-Josè ran gemacht, mit dem ich abhauen wollte. Das ist die gerechte Strafe des Mondgottes Chandra, das sage ich Ihnen!“

„Steigen Sie doch bitte mal aus dem Wagen. Wir machen jetzt eine Alkoholkontrolle und …“

„Nein, ich steig nicht aus. Dazu sehe ich beim besten Willen keine Veranlassung! Ich bin müde, meine Beine sind kalt und ich habe definitiv keinen Alkohol getrunken. Glauben Sie mir doch einfach! Nach Blasen ist mir auch nicht und auf ein weiteres Gespräch mit Ihnen hab ich erst recht keine Lust. Mit dem Mord an Muschi, äh, Uschi hab ich nichts zu tun. Fahrt doch rüber in den Schlosshof. Sie liegt auf dem Komposthaufen, ihr Arm ist ganz grün und hängt über den Rand hinaus.“

„Haben Sie Drogen zu sich genommen?“

„Ha, schön wär`s. Brauchen Sie etwa auch was? Da haben sie leider Pech! Die ganze Hanfernte ist weg. Kein Gras übrig. So ein Jammer! Ich steh ja selbst auf dem Schlauch, verdammt noch mal. Was soll ich da noch auf der Insel, ich will da weg und Sie hindern mich daran! Kümmern Sie sich doch um andere Angelegenheiten! Oder reden Sie mal mit Hanf-Dieter, ja, genau, das sollten Sie tun! Oh, Chandra, Mondgott, ich flehe dich an und opfere dir gerne meinen nächsten Joint, wenn die die drei jetzt endlich mit der blöden Fragerei aufhören und mich heimfahren lassen!“

„Wer hat denn Uschi angeblich umgebracht?“

„Ich weiß, wer es war. Wir haben es ja raus gekriegt! Oder was glauben Sie, haben wir den ganzen Abend lang gemacht? Allerdings hab ich vergessen, wer der Mörder war, unwichtig für mich. Muschi hat´s nicht besser verdient. Aber das mit dem Hanf ist echt Mist ☹ Ein Jahr Arbeit für die Katz! Ich muss jetzt aber wirklich heim, geben Sie mir bitte wieder meine Papiere!“

„Wir fahren jetzt erst einmal gemeinsam auf die Polizeiinspektion Hildburghausen, nehmen Ihre Personalien für das Protokoll auf und überprüfen Ihre Behauptungen. Außerdem scheinen Sie sehr verwirrt zu sein und brauchen dringend ärztliche Hilfe.“

„Ich bin nicht verwirrt, ich bin nur müde. Verstehen Sie, MÜDE! Hilfe brauch ich auch nicht, außer, wenn Sie mir einen Flug nach Ibiza spendieren. Wozu hab ich heimlich Spanisch gelernt, verdammt noch mal! Obwohl, nach Australien würde ich noch viel lieber fliegen, Hauptsache weit weg. Ich frag mal Dreamcatcher, ob er noch eine Reisebegleitung braucht. Und überhaupt: ich bin unschuldig. Hallo, was soll das? Also ich darf doch bitten! Nehmen Sie Ihre Hände weg! NEIN! Loslassen! Drei gegen eine, wo gibt`s denn sowas? Das ist unfair! Handschellen? Sie übertreiben, das ist Freiheitsberaubung! Chandra, CHANDRAAAA. wo bist du, wenn man dich braucht, du alter, verkiffter Penner? Hilf mir! Lassen Sie mich sofort los! HILFE! …“

Ich erwachte von meinem eigenen Schrei. In meinem eigenen Bett. Draußen dämmerte es bereits und ich hatte immer noch die Sachen von gestern an – grins. Krimi-Dinner-Party 😉

Dezember 1989

Meine Bekanntschaft aus dem Bulgarienurlaub im Sommer, Elke, kam seit unserem Kennenlernen nun des Öfteren mit ihrem Trabbi aus Ronneburg zu mir gefahren, denn neuerdings war ja das Leben bei uns im ehemaligen Sperrgebiet viel spannender geworden. Noch vor ein paar Monaten guckten wir in Bulgarien voller Sehnsucht über die Grenze nach Griechenland (immerhin konnten wir danach erzählen, Griechenland gesehen zu haben, wenn auch aus der Entfernung heraus) und plötzlich war der „Eiserne Vorhang“ weg. Es tat sich was an der in unseren Köpfen immer noch existierenden, aber zunehmend durchlässiger werdenden Grenze. Langsam hatte man sich im anliegenden Bayern daran gewöhnt, dass am Wochenende die Ossis in Scharen angeströmt kamen, um mit ihren Trabbies die Luft zu verpesten und das Nachtleben zu erkunden. Die erste Zeit war ich ab und zu in Bad Königshofen in einer Discothek, später sind wir bis nach Frohnlach und in andere Orte gefahren. Es war eine aufregende Zeit, wir „eroberten“ sozusagen Stück für Stück den Westen.

Umgekehrt kamen die Wessis rüber zu uns. Am Anfang lief das alles noch mit Ausweiskontrolle an den Grenzübergängen ab, was mir immer etwas Unbehagen bereitete. Wenn wir nach Bad Königshofen wollten, mussten wir erst nach Eicha fahren und dann rüber nach Trappstadt. Die Straße, die heute von Linden aus um Trappstadt herum, durch Eyershausen nach Bad Königshofen führt, die gab es damals ja noch nicht. Zirka 500 Meter nach Eicha war der inzwischen offene Grenzübergang.

Die ersten Male war es total aufregend, so wie alles Neue einen gewissen Reiz hat. Das legte sich dann aber mit der Zeit. Auch in der Diskothek war alles etwas anders. Ich war ständig am Zweifeln, ob ich die richtigen Sachen anhatte. Irgendwie kam ich mir total altmodisch vor: meine Klamotten, die Frisur, die Schuhe, wie ich tanzte. Die Getränkepreise waren für uns erschreckend hoch und die exotischen Namen mancher Getränke, die auf der Tafel hinter der Bar angeschrieben standen, verwirrten mich. Also fragte ich, ob es denn auch Orangensaft gibt. (wir waren immer noch gewohnt zu fragen: „Haben sie …?“ oder „Gibt es ..?“) Der Barkeeper verstand mich nicht, weil die Musik so laut war. Also wiederholte ich meine Frage etwas lauter. Er zurück: „O-Saft?“ Ich: “Nein, Orangensaft.“ Er: „Naja, sag ich doch, O-Saft.“ Ich: „Äh, ach so! Ja, O-Saft, na klar.“ Muss man ja erstmal wissen, ne? Es war mir sowas von peinlich, weil die Leute neben mir so guckten wie: Ach je, die Ossis hatten nicht mal O-Saft! Doch! Es gab Apfelsinensaft, manchmal zumindest.

Eines nachts auf der Rückfahrt nachhause, mussten wir an der Kontrollstelle zwischen Trappstadt und Eicha wieder zur Ausweiskontrolle anhalten. Wir kramten gerade unsere Ausweise aus den Taschen, da kam aus der Gegenrichtung ebenfalls ein Auto mit jungen Leuten gefahren. Wessis. Sie mussten ebenfalls anhalten und ihre Ausweise suchen. Sie waren sehr lustig drauf und wir kamen ins Gespräch. Es war nicht viel los um diese Uhrzeit und keiner der Kontrollposten sagte etwas, als wir aus unseren Autos ausstiegen und das jeweils andere Fahrzeug anguckten. Elke war total begeistert von den vielen Lichtern auf dem Armaturenbrett, die ihrer Meinung nach leuchteten wie ein Christbaum. Sie hat sich gar nicht wieder eingekriegt vor Begeisterung. Bei ihr im Trabbi leuchtete nicht wirklich viel. Die Leute waren aus Königshofen und kamen von einer Disco in Meiningen. Das fanden wir lustig. Wir waren „drüben“ in der Disco und sie waren auch „drüben“ – für jeden von uns war es von seiner Seite aus gesehen „drüben“. Die Kontrollposten standen ein bisschen verunsichert herum, ließen uns aber gewähren und sagten nichts. Was hätten sie auch sagen oder machen sollen, sie hatten eh in dieser Nacht die A-Karte und unsere zwanglose Unbekümmertheit verunsicherte sie sicherlich. Ich hatte wirklich Mitgefühl mit ihnen, denn wir amüsierten uns und sie mussten in dieser kalten Nacht ihren Dienst schieben.

Die Fotos habe ich genau an der Stelle fotografiert, wo wir in dieser Nacht im Dezember 1989 standen, und habe mich an die kleine Episode von damals erinnert.

Kaum zu glauben, dass das schon wieder fast 27 Jahre her ist …

DSCN7493

Straße von Trappstadt Richtung Eicha. Hier war die Ausweiskontrolle.

DSCN7495

DSCN7489

DSCN7490

Blick nach Trappstadt

DSCN7494

DSCN7488

Im Westen geht die Sonne unter

Dreamcatcher

Tja, seit gestern ist es nun so weit. Ich bin Mutter eines Traumfängers geworden. Ja, das ist mein voller Ernst. Also nicht, dass ich in meinem Alter noch mal frisch gebackene Mutter geworden wäre, um Himmels Willen, nein!!! Mein Junior 2 befindet sich in der Mutationsphase vom kleinen Privatkundenberater einer Bank zum Aussteiger und zukünftigen (möglicherweise weltweitem) Dreamcatcher – hach … irgendwie aufregend!

War er nicht erst noch so klein? Wo ist die ganze Zeit hin?

Dreamcatcher.tv

Seit einer Weile weiß ich von seinen Plänen, die ersten Reisevorbereitungen laufen schon ein paar Wochen und kommen nun so langsam in die Endphase. Viel kann ich dabei nicht tun, außer interessiert zu verfolgen, was er alles bedenken muss. Ehrlich – auf Manches wäre ich nie gekommen. Naja, ich fahre ja nicht in die Welt und brauche mir nicht seinen Kopf zu zerbrechen. Obwohl – bei aller Vorfreude, die ich gerne mit ihm teile, ein kleines bisschen neidisch bin ich schon. Wir hatten als junge Menschen nicht die Möglichkeiten, nach Lust und Laune in der Welt herum zu reisen. Unser erreichbarer Horizont endete an den Grenzen des Ostblocks, war also sehr überschaubar. Siehe auch meine Geschichten Mit „Jugendtourist“ nach Bulgarien und Daumen im Wind

Lügen würde ich, wenn ich behaupte, dass auch etwas Sorge in mir ist. Typisch Mutter halt, ne? Die Sorge kann ich zum Glück relativ gut verdrängen. Das positive Gefühl überwiegt und das ist gut so. Australien, Down under … Kein Wunder, dass mir grad der gleichnamige Song von „Men at Work“ einfällt „Down Under“

Was ich mich die ganze Zeit frage: wie wird die Zeit ohne ihn in der Nähe wohl werden? Das wird sicher besonders anfangs etwas ungewöhnlich sein. Immerhin habe ich noch Junior 1, den ich dann bemuttern kann, in der Nähe. Obwohl, er steht auf beiden Beinen im Leben und braucht selten bis gar nicht meine mütterliche Fürsorge 😉 Und natürlich habe ich den Rest der Familie und meinen Alltag, der mich ausfüllt.

Trotzdem, da ist noch was. Die Gedanken, ob ich J2 in seinem bisherigen Leben genug mitgegeben habe. Klar wird das, was auch immer es ist, nie die eigenen Lebenserfahrungen ersetzen. Trotzdem geben Eltern ihren Kindern immer etwas mit auf den Weg, weiß ich aus eigener Erfahrung. In Einem bin ich mir jedoch sicher, ich habe ihm die Flügel gegeben, die er für dieses Abenteuer braucht. Auch wenn seine Wurzeln sich hier befinden. Nur ist da auch wieder so eine Sache, die mir durch den Kopf geht: es ist ja möglich, dass sich woanders Wurzeln bilden können. Damit muss ich rechnen, schiebe es aber weit weg, auch wenn ich es akzeptieren würde. Welche Wahl hätte ich auch?

Ach menno, ich will das auch mal machen!

Tschüssi, muss jetzt Koffer packen, für alle Fälle … 😉

Was einem doch so alles passieren kann im Leben

Da schreib man seine Erinnerungen an längst vergangene Zeiten auf, stellt sie ins Netz, Leute interessieren sich dafür und dann ruft plötzlich einer vom Fernsehen an und will genau diese Erinnerungen für eine Doku verwenden – klingt doch schon mal interessant, ne? 

Dann darfst du auch noch nach Bulgarien fliegen, eine Freundin mitnehmen und musst nicht mal was dafür bezahlen. Im Gegenteil, es gibt dafür sogar noch Gage. Ist doch genial!

Wer meine Geschichte „Mit Jugendtourist nach Bulgarien“ gelesen hat, weiß, worum es sich dreht. 

So, nun lieg ich hier in Varna im Hotelbett, bin gespannt und auch ein klitzekleines bisschen aufgeregt vor dem morgigen Drehtag. 

Neben dem Drehteam werde ich unter anderem Bürger Lars Dietrich, der als Moderator fungiert, kennen lernen. 

1889 war ich zum letzten Mal in Bulgarien. Ist schon ne Weile her. Deshalb bin ich gespannt darauf, ob ich am Sonnenstrand noch was wieder erkenne und was sich seither alles verändert hat.

Ich lasse mich überraschen und werde berichten.

Upps – haha – 1889 🙂  was hab ich nur wieder getippt? Da hab ich natürlich noch als Quark im Schaufenster gelegen – grins

Winterspaziergang

Nach der langen Arbeitswoche hätte ich eigentlich mehr als genug im Haushalt zu tun gehabt, denn unter der Woche ist viel liegen geblieben und ich wollte nicht die ganze Arbeit am Wochenende erledigen. Doch es fiel mir schwer, bei diesem herrlich-strahlenden Sonnenschein und den eisigen Temperaturen den ganzen Freitagnachmittag im Haus zu verbringen und mit „Pflichten“ zu vergeuden. Ich bin nicht so der Wintermensch, eher eine Frostbeule mit zwei Beinen, mag lieber den Sommer mit tropischen Temperaturen. Warm eingemummelt entschied ich mich trotzdem spontan für eine kleine Frischluftkur, überlegte am Hoftor kurz, ob ich links oder rechts entlang gehen sollte, entschied mich für links, machte mich auf den Weg und war nach wenigen Minuten außerhalb des Dorfes. Die klirrend kalte Luft bitzelte in meinem Gesicht wie tausend feine Nadelstiche. Beim Ausatmen wallten feuchtwarme Wölkchen aus meinem Mund und vereinigten sich mit der Winterluft. Die Geräusche aus der Umgebung, meine knirschenden Schritte im Schnee und mein leichtes Schnaufen beim Hügelaufwärtsgehen nahm ich durch meine kuschlig warmen Ohrenschützer sanft gedämpft wie durch einen Wattebausch wahr.

Die Kamera baumelte startklar über meiner Schulter und ich hielt gewohnheitsgemäß Ausschau nach interessanten Motiven, während sich meine Lunge allmählich an die zweistellige Minustemperatur angepasst hatte und tapfer tiefe Züge der schneidend kalten Luft inhalierte.

Während ich am Feuerlöschteich vorbei Richtung Wald durch den hart gefrorenen Schnee stapfte, genoss ich die freie Zeit und nahm mir vor, wieder öfter spontan einen kleinen Spaziergang zu unternehmen. Nicht nur wegen der frischen Luft und zum Fotografieren – einfach nur so, zum Abschalten und Natur bewundern.

Nach anderthalb Stunden kroch trotz stetiger Bewegung die Kälte allmählich an meinen jeansumhüllten Beinen hoch, die Nase und die Wangen hatten sich gerötet und die im Schnee stark reflektierende Sonne ließ schwarze Punkte vor meinen Augen tanzen. Hätte ich nur eine Sonnenbrille aufgesetzt!

Ein halbe Stunde später saß ich bei meinen Eltern am Kaffeetisch, angenehm erhitzt trotz kalter Beine, mit frischer Hautfarbe, total entspannt und ausgeglichen. Meinen Haushalt hatte ich vergessen, er würde mir nicht weglaufen. Ich hatte ein paar Fotos im Kasten und freute mich auf den Abend, wo ich sie mir auf dem Laptop anschauen und die Stimmung des Nachmittags noch einmal nachspüren würde.

Ob am Ende doch noch ein Wintermensch aus mir wird?

dscn9582

trotzt der Eiseskälte

dscn9575

Himmelsblick

dscn9566

Eisapfel

dscn9571

ohne Moos nichts los

dscn9578

Fürstenweg

dscn9596

keiner da zum Küssen 😉

dscn9599

Es geht aufwärts

dscn9604

wir zwei halten zusammen

dscn9605

Straufhain und Veste Heldburg mit Deutschem Burgenmuseum

dscn9610

Die Steinsburg (Kleiner Gleichberg)

dscn9621

nicht spurlos

dscn9625

Einblick

dscn9628

frisch poliert und zart gepudert – Kiliankirche zu Bedheim mit Schwalbennestorgel

 

 

 

 

 

Ein Wiedersehen

 

elke-001

1990 in Gran Canaria, Taurito Playa

Waren wirklich schon so viele Jahre vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten? Immerhin 26 Jahre! Ich schaute ihr entgegen, als sie über den Bahnhofsvorplatz auf mein Auto zu lief. Sie stieg ein und ich hatte das Gefühl, dass wir uns erst gestern begegnet wären. Ist sowas möglich? In meinen Augen sah sie noch genauso aus wie damals, als wir uns auf einer Jugendtouristreise nach Bulgarien kennengelernt hatten. (Mit “Jugendtourist” nach Bulgarien) Ihr Lachen, die Stimme, die Haare, der Gang – Elke! Ein Jahr nach unserem Kennenlernurlaub waren wir noch ein zweites Mal zusammen unterwegs. Die Wende war dazwischen gekommen und mit ihr die Möglichkeit, neue  Reiseziele zu entdecken. Ganz kurz kamen mir die Erinnerungen an zwei Wochen Gran Canaria in den Sinn. Doch es würde später noch Zeit sein, darüber zu erzählen.

 

Ich musste losfahren, hier konnte ich nicht parken. Wir fuhren Richtung Innenstadt in ein Parkhaus. Dann begrüßten wir uns erstmal richtig und freuten uns, dass wir es endlich auf die Reihe gekriegt hatten uns zu treffen.

Im Mai hatte ich sie auf Facebook „gefunden“ und Kontakt aufgenommen. Seitdem hatte sich noch keine Gelegenheit für ein Treffen ergeben, familiäre Ereignisse machten uns immer wieder einen Strich durch die Rechnung, doch aufgeschoben war ja nicht aufgehoben.

Nun saßen wir uns in dem Restaurant in der Nähe der Krämerbrücke gegenüber und erzählten uns gegenseitig unsere Geschichten. Es fühlte sich vertraut an und herzlich. Handyfotos wurden angeguckt und das erste Foto gemacht zum Senden an die Dritte im Bunde, die damals mit auf der Bulgarienreise war. Nach dem Essen gönnten wir uns einen heißen Punsch auf der Krämerbrücke. Es wurde schon dämmrig und die Zeit eilte uns davon. Wie schade, dass wir uns damals aus den Augen verloren hatten.

Als wir uns am Abend verabschiedeten, fiel uns auf, dass wir nur über unser jetziges Leben gesprochen hatten. Wir machten aus, dass unsere Erlebnisse von damals beim nächsten Treffen dran sind. Dann wollen wir auch die alten Fotos zum Anschauen mitbringen, freu ich mich jetzt schon drauf. Wir bleiben dran und vor allem in Kontakt. Es ist so schön, dass wir uns wieder gefunden haben.

20161229_162304

2016 in Erfurt, Krämerbrücke