Leute gibt´s

Heimweg von der Arbeit. Schranken zu. Ich sehe die Bahn durch fahren und weiß, die Schranken gehen gleich wieder auf. Eilig habe ich es nicht. Ich bremse kurz ab, weil von rechts die Bahnhofstraße auf meine Straße mündet. Ich gucke kurz, aber da kommt kein Fahrzeug aus der Bahnhofstraße, also fahre ich schon ein Stück vor, Schranke geht eh gleich auf. Vor mir drei weitere PKW´s. Die Schranke geht aber nicht auf. Ach ja, da fehlt noch der Zug aus der Gegenrichtung, das wird es sein. Die begegnen sich immer am Bahnhof. Na, der wird jeden Moment los fahren.

Ich gucke wieder verstohlen nach rechts. Wenn jetzt ein Fahrzeug aus der Bahnhofstraße käme, könnte es aber locker hinter mir raus fahren, soviel Platz ist da noch. Da sehe ich im Rückspiegel, dass ein weiterer PKW hinter mir hält. Okay, Jetzt hätte für kurze Zeit keiner mehr eine Chance aus der Bahnhofstraße raus zu kommen.

Wieder gucke ich nachts rechts, kein Fahrzeug in Sicht. Es stehen nur zwei Busse da. An der Schranke tut sich nichts.

Doch plötzlich schießt wie aus dem Nichts ein PKW in einem Affenzahn aus der Bahnhofstraße auf mich zu (wo kommt der denn plötzlich her?). Ich guck nicht hin, ich sehe es nur aus den Augenwinkeln. Irgendwie werde ich ein kleines bisschen kleiner und flehe inständig Richtung Schranke: „Geh´  doch endlich ahauf, menno!“ Ich drehe die Musik ein bisschen lauter und pfeife mit (kann gar nicht wirklich pfeifen, aber es hört ja keiner) und es soll locker aussehen.

Es hupt rechts neben mir. Es hupt noch mal. Hupen kann der, da gibt´s nix. (Geht vom Hupen eigentlich die Schranke schneller auf?) Der Opa in dem Auto hinter mir tippte sich entrüstet an die Mütze und zeigte sich dadurch äußerst solidarisch mir gegenüber, worauf ich gleich wieder etwas größer werde in meinem Sitz.

Ich gucke dann doch mal zu diesem Huper hin (Herr mittleren Alters mit äußerst unfreundlichem Gesichtsausdruck), hebe entschuldigend die Schultern und setze ein gequältes sorry-geht-bestimmt-gleich-weiter-Gesicht auf. Er will mich daraufhin näher kennen lernen, steigt aus seinem Auto aus, kommt zu mir rüber, öffnet meine Autotür und fordert mich auf weg zu fahren. Ääääh? Ich sag nichts, gucke ihn nur genau an und stelle fest: Dieser Mann hat zwei Augen im Kopf. Auto fährt er auch. Demnach kann er nicht blind sein. Wenn er nicht blind ist, sieht er, dass genau vor mir ein Auto steht und auch hinter mir. Wie, bitte schön, soll ich denn da weg fahren? Seitwärts? Er wiederholt seinen Satz noch zwei Mal.

Inzwischen fährt der Zug durch und die Schranke geht hoch. Der Kraftfahrer ganz vorne an der Schranke scheint fasziniert von deren Aufwärtsbewegung zu sein (Leidet er unter irgend welchen Komplexen???). Jedenfalls setz er sein Mobil erst bei deren Senkrechtstehen in Bewegung (Was für ´ne Schlaftablette!) und raubt mir damit jegliche Fluchtmöglichkeit. Allerdings kann ich durch diesen Umstand, mittlerweile belustigt mich die ganze Situation, miterleben, wie der „Herr“ zu seinem Auto zurück geht, seine Kamera oder Handy holt, um Fotos als Beweis zu machen, weil ich ja da nicht stehen darf und das nachfolgende Auto auch nicht, soso, will er uns etwa anzeigen??? – ts, ts, ts. Na, jetzt übertreibt er aber!

Das geht gar nicht. Also bin ich mal ein bisschen frech, setze mein Auto in Bewegung und fahre so dicht an meinen Vordermann ran, dass er nicht mein Nummernschild knipsen kann – oooooooch, wie gemein von mir. Mein Nachfolger hat reagiert, ich sehe ihn im Rückspiegel lachen und macht das Gleiche von hinten.

Ich weiß nicht, ob er nun ein tolles Foto hat oder nicht. Bin ja dann weg gefahren. Ich hoffe, er hat keinen Herzinfarkt erlitten …

Ich empfinde große Sorge und tiefstes Mitleid für diesen armen, gestressten Menschen. Die ganze Angelegenheit hat höchstens anderthalb Minuten gedauert, wenn überhaupt. Klar, er könnte es total eilig gehabt haben, aber dann sollte er sein Zeitmanagement überdenken. Vielleicht ist er aber auch Choleriker und hat sich nicht unter Kontrolle – sehr zu bedauern. Oder er hatte einfach nur einen schlechten Tag. Ich glaube, die meisten Männer hätten in so einer Situation einfach nur die Augen verdreht und mehr oder weniger genervt gedacht: „Weiber am Steuer“.

Ich würde ihn ja gerne auf eine Tasse Kaffee einladen und ihm sagen, wie ich es bedauere, dass er meinetwegen anderthalb Minuten seines Tages vergeudet hat. Und ich möchte ihm sagen, dass ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe.  Aber dummerweise habe ich mir nur gemerkt, dass er zwei Augen hat. Sein Auto hab ich auch nicht fotografiert …

Ich wünsche ihm und allen Menschen mehr Gelassenheit und öfter ein Lächeln. Ich bin sicher, dann geht es allen viel besser im Leben.

2 Gedanken zu “Leute gibt´s

  1. Liebe Heike,

    bloggen als Aggressionsabbau ist eine super Lösung. Gut, dass Du ein so sonniges Gemüt hast – wäre mein Freund an Deiner Stelle gewesen, wäre es vermutlich zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen…

    Du schreibst schön – schreib weiter!!!

    Liebe Grüße
    Heike

    • Liebe Heike,
      ja, meine Männer zuhause haben auch gedanklich die Fäuste geballt bei meinem Bericht. Dass manche Männer immer gleich so aufbrausend werden müssen? Aber du hast Recht, gegen Aggressionen könnte das Bloggen tatsächlich eine gute Therapie sein. Ich hätte das gestern diesem Herrn gleich mal empfehlen sollen – lach.
      Und danke für dein Lob, von dir bedeutet es mir besonders viel, ich drück dich herzlich dafür. Klar schreibe ich weiter, immer so wie ich Zeit und Lust habe. Eine Möglichkeit mehr meinen kreativen Anwandlungen zu frönen.
      Liebe Grüße zurück
      Heike

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