Wie ich ein „Junger Pionier“ wurde

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In der 1. Klasse wurde ich ein „Junger Pionier“, das heißt, ich wurde in die Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ aufgenommen. Alle anderen 23 Kinder in meiner Klasse natürlich auch. Seit September gingen wir nun schon zusammen in die Schule und wir wurden auf diesen Tag durch unsere Lehrer vom ersten Schultag an ideologisch vorbereitet. Es hat uns keiner wirklich gefragt, ob wir Pioniere werden wollten. Es war für uns Kinder gar keine Frage, es war so normal für uns wie jeden Tag zur Schule gehen, dass wir Pioniere wurden. Ich habe mich darauf gefreut, es wurde uns ja als besonderes Ereignis angekündigt. Und ich glaube, die anderen aus meiner Klasse freuten sich genauso darauf wie ich.

An diesem 13. Dezember, dem „Tag der Pioniere“ wurden wir also feierlich aufgenommen. Die Zeremonie fand im „Kaisersaal“ der Gaststätte „Freundschaft“ in unserer Kreisstadt Hildburghausen statt. Ich war sehr aufgeregt. Meine Mutter hatte mir schon lange vorher eine weiße Pionierbluse und einen dunkelblauen Pionierrock in der „SPOWA“ (Sportwaren) in Hildburghausen gekauft. Ich hatte eine weiße Strumpfhose an und Stiefel und kam mir unheimlich wichtig vor, denn an diesem Tag sollte ich mein blaues Pionierhalstuch bekommen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich an diesem Tag schon mein Pionierkäppi hatte, das auf dem Foto zu sehen ist. Vielleicht habe ich es auch erst etwas später bekommen. Das Käppi mochte ich nicht, weil es auf meinen glatten Haaren immer verrutscht ist. Es gehörte aber zur vollen Montur dazu. Die Pionierkleidung war übrigens nur für besondere Anlässe gedacht und nicht für jeden Tag. Auch das Halstuch trugen wir nur zu bestimmten Veranstaltungen. Unser Lehrer sagte uns, wann wir in welchem Outfit zu erscheinen hatten. (Das Wort „Outfit“ gehörte damals natürlich noch nicht zu unserem Sprachgebrauch).

Ich kann mich nicht mehr genau an alle Einzelheiten der Veranstaltung zur Aufnahme in die Pionierorganisation erinnern. Auf jeden Fall war die Bühne festlich geschmückt mit Fahnen, Rednerpult und Blumen, es wurden Reden gehalten, ein Chor hat gesungen, Gedichte wurden aufgesagt, die Gebote der Jungpioniere vorgelesen und wir mussten geloben, diese einzuhalten. Dann bekamen wir unser blaues Pionierhalstuch umgebunden und den Pionierausweis in unsere kleinen Hände gedrückt. Ich glaube, dazu mussten wir sogar auf die Bühne gehen. Ja, und damit waren wir also „Junge Pioniere“ und feierlich in die Pionierorganisation aufgenommen worden.

Mein alter Pionierausweis (leicht ramponiert)

Mein alter Pionierausweis (leicht ramponiert)

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Aus unserer Klasse wurde an diesem Tag eine „Pioniergruppe“. Jede Pioniergruppe bekam einen Wimpel überreicht. Ich durfte ihn für unsere Pioniergruppe in Empfang nehmen und dann bis zum Bus tragen. Ausgerechnet ich! Was war ich stolz!

Beim Abendessen habe ich natürlich alles haarklein dem Rest der Familie erzählt. Meine Schwester war damals noch ein Kindergartenkind. Sie erlebte meinen Stolz und wie wichtig ich von den Eltern genommen wurde und konnte es kaum erwarten, auch bald in die Schule zu kommen und selbst Pionier zu werden. So hat sich die Euphorie gleich auf die nächsten Altersstufen übertragen …

Mein Opa Hugo guckte skeptisch von unten nach oben über den Rand seiner Brille hinweg und sagte nichts dazu. Er hatte immer (vorsichtig ausgedrückt) eine sehr kritische Einstellung gegenüber unserem damaligen, sozialistischem Staat. Das haben wir aber erst später bewusst wahrgenommen. Als wir älter waren und er sich sicher war, dass wir uns in der Öffentlichkeit nicht verplappern würden, hat er uns manchmal über ein paar Sachen „aufklärt“. Er hatte in vielen Dingen recht gehabt …

Die Zeit der „Jungpioniere“ dauerte übrigens von der 1. bis zum Ende der 3. Klasse. Anfang der 4. Klasse wurden wir „Thälmannpioniere“ (nach Ernst Thälmann benannt, der in Ostdeutschland fast wie eine Legende dargestellt wurde und von dem ich den Lebenslauf mal auswendig wusste). „Thälmannpioniere“ bekamen zu unserer Zeit schon ein rotes Pionierhalstuch verpasst. Ich nehme an, es sollte die Verbundenheit zur Sowjetunion ausdrücken. Im meinem Statut der Thälmannpioniere steht nichts von einem roten Halstuch, aber es war so. Vielleicht ist das Statut später verändert worden – keine Ahnung, ich habe jedenfalls noch das Statut bekommen, indem von einem blauen Halstuch die Rede ist.

Mein Thälmann-Pionierausweis

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Foto Thälmann`s aus dem Ausweis für Thälmann-Pioniere:

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In der 7. Klasse hatten wir von der ganzen Pionierzeit genug und konnten es kaum erwarten, endlich „FDJ“ler zu werden. Die „Freie Deutsche Jugend“ – das war es! Endlich kein Halstuch mehr, auf das wir ursprünglich so stolz waren. Nein, jetzt gab es das Blauhemd bzw. die blaue FDJ-Bluse und das war wieder was ganz Besonderes und wir trugen es freiwillig und voller Stolz (zumindest am Anfang…)Wir waren nun Jugendliche!

Jede Organisation hatte ihre eigene Zeitung. Die „Pionierzeitung“ lasen wir bis zur 3. Klasse, dann kam „Die Trommel“ an die Reihe und für die FDJ gab es die „Junge Welt“. Das Interesse sank bei mir mit zunehmendem Alter, weil der Inhalt immer politischer wurde und das interessierte mich nicht die Bohne damals.

Egal, auf jeden Fall war ich gerne und freiwillig Pionier und FDJler. Es war halt unsere Zeit …

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