Dezember 1989

Meine Bekanntschaft aus dem Bulgarienurlaub im Sommer, Elke, kam seit unserem Kennenlernen nun des Öfteren mit ihrem Trabbi aus Ronneburg zu mir gefahren, denn neuerdings war ja das Leben bei uns im ehemaligen Sperrgebiet viel spannender geworden. Noch vor ein paar Monaten guckten wir in Bulgarien voller Sehnsucht über die Grenze nach Griechenland (immerhin konnten wir danach erzählen, Griechenland gesehen zu haben, wenn auch aus der Entfernung heraus) und plötzlich war der „Eiserne Vorhang“ weg. Es tat sich was an der in unseren Köpfen immer noch existierenden, aber zunehmend durchlässiger werdenden Grenze. Langsam hatte man sich im anliegenden Bayern daran gewöhnt, dass am Wochenende die Ossis in Scharen angeströmt kamen, um mit ihren Trabbies die Luft zu verpesten und das Nachtleben zu erkunden. Die erste Zeit war ich ab und zu in Bad Königshofen in einer Discothek, später sind wir bis nach Frohnlach und in andere Orte gefahren. Es war eine aufregende Zeit, wir „eroberten“ sozusagen Stück für Stück den Westen.

Umgekehrt kamen die Wessis rüber zu uns. Am Anfang lief das alles noch mit Ausweiskontrolle an den Grenzübergängen ab, was mir immer etwas Unbehagen bereitete. Wenn wir nach Bad Königshofen wollten, mussten wir erst nach Eicha fahren und dann rüber nach Trappstadt. Die Straße, die heute von Linden aus um Trappstadt herum, durch Eyershausen nach Bad Königshofen führt, die gab es damals ja noch nicht. Zirka 500 Meter nach Eicha war der inzwischen offene Grenzübergang.

Die ersten Male war es total aufregend, so wie alles Neue einen gewissen Reiz hat. Das legte sich dann aber mit der Zeit. Auch in der Diskothek war alles etwas anders. Ich war ständig am Zweifeln, ob ich die richtigen Sachen anhatte. Irgendwie kam ich mir total altmodisch vor: meine Klamotten, die Frisur, die Schuhe, wie ich tanzte. Die Getränkepreise waren für uns erschreckend hoch und die exotischen Namen mancher Getränke, die auf der Tafel hinter der Bar angeschrieben standen, verwirrten mich. Also fragte ich, ob es denn auch Orangensaft gibt. (wir waren immer noch gewohnt zu fragen: „Haben sie …?“ oder „Gibt es ..?“) Der Barkeeper verstand mich nicht, weil die Musik so laut war. Also wiederholte ich meine Frage etwas lauter. Er zurück: „O-Saft?“ Ich: “Nein, Orangensaft.“ Er: „Naja, sag ich doch, O-Saft.“ Ich: „Äh, ach so! Ja, O-Saft, na klar.“ Muss man ja erstmal wissen, ne? Es war mir sowas von peinlich, weil die Leute neben mir so guckten wie: Ach je, die Ossis hatten nicht mal O-Saft! Doch! Es gab Apfelsinensaft, manchmal zumindest.

Eines nachts auf der Rückfahrt nachhause, mussten wir an der Kontrollstelle zwischen Trappstadt und Eicha wieder zur Ausweiskontrolle anhalten. Wir kramten gerade unsere Ausweise aus den Taschen, da kam aus der Gegenrichtung ebenfalls ein Auto mit jungen Leuten gefahren. Wessis. Sie mussten ebenfalls anhalten und ihre Ausweise suchen. Sie waren sehr lustig drauf und wir kamen ins Gespräch. Es war nicht viel los um diese Uhrzeit und keiner der Kontrollposten sagte etwas, als wir aus unseren Autos ausstiegen und das jeweils andere Fahrzeug anguckten. Elke war total begeistert von den vielen Lichtern auf dem Armaturenbrett, die ihrer Meinung nach leuchteten wie ein Christbaum. Sie hat sich gar nicht wieder eingekriegt vor Begeisterung. Bei ihr im Trabbi leuchtete nicht wirklich viel. Die Leute waren aus Königshofen und kamen von einer Disco in Meiningen. Das fanden wir lustig. Wir waren „drüben“ in der Disco und sie waren auch „drüben“ – für jeden von uns war es von seiner Seite aus gesehen „drüben“. Die Kontrollposten standen ein bisschen verunsichert herum, ließen uns aber gewähren und sagten nichts. Was hätten sie auch sagen oder machen sollen, sie hatten eh in dieser Nacht die A-Karte und unsere zwanglose Unbekümmertheit verunsicherte sie sicherlich. Ich hatte wirklich Mitgefühl mit ihnen, denn wir amüsierten uns und sie mussten in dieser kalten Nacht ihren Dienst schieben.

Die Fotos habe ich genau an der Stelle fotografiert, wo wir in dieser Nacht im Dezember 1989 standen, und habe mich an die kleine Episode von damals erinnert.

Kaum zu glauben, dass das schon wieder fast 27 Jahre her ist …

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Straße von Trappstadt Richtung Eicha. Hier war die Ausweiskontrolle.

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Blick nach Trappstadt

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Im Westen geht die Sonne unter

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