Ficken ist geil

Heike 001 - Kopie (3)Es war kurz vor dem Abendessen und ich ahnte noch nicht, was gleich über mir herein brechen und mir gründlich den Appetit verderben würde, als es laut an der Küchentür klopfte und im nächsten Moment die Mutter eines Schulkameraden herein stürmte.

Sie sah ziemlich erregt aus, fuchtelte mit einem Zettel herum, den sie in der Büchertasche ihres Sohnes gefunden hatte und teilte meiner Mutter und mir mit, dass sie fix und fertig wäre. Aber das war eigentlich unnötig, denn wir sahen es ihr ja an. Endlich kam sie auf den Punkt. Ich sollte mal vorlesen, was da auf dem Zettel steht und es erklären. Mit diesen Worten hielt sie mir den Zettel unter die Nase.

Oh, oh, dachte ich, da kann nichts Gutes drauf stehen. Ich nahm ihn und sah, was darauf stand: Ficken ist geil. Mehr nicht. Diese drei Wörter. Ach du dickes Ei! Ich bekam nicht nur rote Ohren, sondern bestimmt einen knallroten Kopf, denn es fühlte sich an, als ob das ganze Blut in meinen Kopf schoss.  Meine Gedanken überschlugen sich. Warum kommt sie damit ausgerechnet zu mir? Ich hatte den Zettel doch schließlich nicht geschrieben. Und wieso sollte ausgerechnet ich ihr das erklären? Sollte sie doch ihren Sohn fragen. Na der kann sich morgen was anhören … Mich in so eine Situation zu bringen! Und überhaupt, wieso wühlt die in dem seiner Büchertasche rum? Und wenn man schon solche pikanten Zettel bekommt, dann liest man sie und vernichtet sie. Wir hatten in jedem Klassenraum einen Ofen, notfalls wurden die Zettel einfach runter geschluckt. Das alles schoss mir in Sekunden durch den Kopf, während ich immer noch angestrengt auf diesen Zettel stierte.

Meine Mutter und die andere guckten mich mit hochgezogenen Augenbrauen, sehr streng und erwartungsvoll an. Mein Gott, wie peinlich! Nun musste ich taktisch vorgehen, damit ich nicht selbst eine Strafe riskierte, Ausgangsverbot oder so. Nur nichts Falsches sagen. Aber was sollte ich denn dazu sagen? Ich hatte ja überhaupt keine wirkliche Ahnung, was es bedeutete. Woher auch, ich war grad mal in der 6. Klasse und ein unschuldiges Mauerblümchen.

Zu Weihnachten in der 5. Klasse hatte ich eine Broschüre geschenkt bekommen. „Bevor ein Kind geboren wird“, damit war das Thema Aufklärung für meine Eltern abgehakt, schließlich konnte ich ja lesen … Es war mir oberpeinlich gewesen, als ich das Büchlein aus dem Weihnachtspapier ausgewickelt hatte, hab mich artig bedankt und eine halbe Minute sehr interessiert darin geblättert, bevor ich es weg legte – wusste doch eh schon bescheid. Aber ich weiß genau, dass die Wörter „ficken“ und „geil“ darin definitiv nicht vorgekommen sind. Auch in dem Buch „Mann und Frau intim“, was ich mir heimlich längst organisiert hatte, standen diese Wörter nicht drin. Wie sollte ich erklären, was ich selbst nicht genau verstand?

Ich guckte verschämt nach oben in ihre Gesichter und teilte mit, dass ich überhaupt nicht weiß, was das heißt, aber glaube, dass es bestimmt etwas Unanständiges ist. Damit war ich gut aus der Affäre! Sie glaubten mir und ließen sich noch eine Weile über die unsittliche Jugend aus und wohin denn das alles noch führen soll und wenn das so weiter geht und und und

Ich beschloss, so schnell wie möglich heraus zu finden, was genau „ficken“ und „geil“ bedeutet, irgendwo musste das doch nachzulesen sein oder jemand müsste es erklären können. Dann entschied ich mich aber, lieber nicht zu fragen, es könnte ja wieder zu einer peinlichen Situation führen. Für besser hielt ich es, einfach so zu tun, als wüsste ich es.

Auf jeden Fall war ich heilfroh, so glimpflich aus dieser misslichen Lage heraus gekommen zu sein und noch mehr war ich froh, dass zu dem Zeitpunkt nicht auch noch der Papa oder der Opa in der Küche waren, dann hätte ich es noch schlimmer empfunden.

Heute muss ich darüber lachen, wie verklemmt ich damals war und wie die Erwachsenen mit solchen Situationen umgegangen sind. Als ich einen meiner Söhne mal erwischt habe, als er (immerhin schon 16 Jahre alt) auf meinem PC eine zwielichtige Seite geöffnet hatte, sagte er nur: Ja, Mutter, ich bin halt in dem Alter. Und fertig war er mit mir.

Ich bin froh, dass ich mit meinen Kindern über solche Themen offen reden kann und wir uns kein Blatt vor den Mund nehmen müssen.

Auch wenn es nach wie vor nicht mein Jargon ist, aber wer immer diesen Zettel damals geschrieben hat – also unrecht hat er ja nicht – frech grins …

Von FDGB-Urlauben und warum ich keinen Dutt mehr trage

Ly 2 001 - Kopie

Irgendwie hatten es meine Eltern 1969 geschafft, einen der begehrten FDGB-Urlaubsplätze zu ergattern. Und das noch dazu im Sommer! Es war unsere einzige gemeinsame Urlaubsreise und vielleicht kann ich mich gerade aus diesem Grund noch an einige kleine Begebenheiten erinnern.

FDGB = Freier Deutscher Gewerkschaftsbund – ich glaube, es waren so gut wie alle Werktätigen mehr oder weniger freiwillig darin organisiert. Mich hat jedenfalls keiner gefragt, ob ich beitreten will oder nicht. Ich bekam mein rotes Mitgliedsbuch in die Hand gedrückt, war von da an Mitglied der „Gewerkschaft Unterricht und Erziehung“  und durfte nun jeden Monat Beitragsmarken bzw. Soli-Marken kaufen, die immer schön brav einzukleben waren.

Als Belohnung für die Mitgliedschaft bekam ich bei einer Erkrankung, die länger als 10 Tage dauerte, was bei mir allerdings äußerst selten vor kam (ich kann mich nur an einmal erinnern), eine Dose Pfirsiche oder Ananas aus dem Fress-Ex (Delikatessen – Laden) überreicht. Ich glaube, so eine Dose hat um die 12 Mark gekostet, also DDR-Mark, und ich schaffte es, sie mit einem Ritt zu verdrücken, ohne mit der Wimper zu zucken – hmmm, war das lecker! Und so selten! Konnte ich mir sonst ja nicht leisten.

Weiterhin bestand die Möglichkeit, über die Gewerkschaft einen preiswerten Urlaubsplatz zu bekommen einschließlich Fahrpreisermäßigung für öffentliche Verkehrsmittel. Aber es gehörte ein bisschen Glück dazu, denn die Urlaubsplätze waren begehrt und schnell vergriffen.

So kam es also, dass wir vier – Mutti, Papa, meine kleine Schwester und ich – in den Urlaub nach Lychen fuhren. Wir hatten kein Auto, also fuhren wir mit der Deutschen Reichsbahn von Hildburghausen über Meiningen nach Berlin und von dort weiter nach Lychen. Das war eine kleine Weltreise für uns, ging es doch immerhin fast durch die ganze Republik!

Unser Feriendomizil war, soweit ich mich erinnere, eine alte Villa. Unser kleines Zimmer war unter dem Dach, mit schrägen Wänden. Vor dem Haus standen ein paar Tische und Stühle, da saßen wir manchmal  und bekamen Most (Fruchtsaft) aus Weingläsern zu trinken. Der Most war lecker. Die Gläser haben mich fasziniert. Sie kamen mir hauchdünn im Vergleich zu unseren rustikalen Gläsern zuhause vor. Einmal habe ich tatsächlich versehentlich ein Stück des Glases zerbissen und hatte ein paar kleine Splitter im Mund. Ich hab sie ausgespuckt, das Glas umgedreht und weiter getrunken. Dann hatte ich solche Angst, dass meine Eltern deshalb Ärger bekommen und das Glas bezahlen müssen oder dass wir deshalb wieder heimfahren müssen. Ich hielt das Glas für unheimlich wertvoll. Ich glaube, es hat keiner vom Personal bemerkt, aber es hat mich ein paar Tage lang ziemlich belastet, weil ich es verheimlicht hatte.

Wir waren oft am See zum Baden. Mutti hatte sich extra einen Bikini gekauft, den meine Uroma später auf den Fotos als äußerst unanständig bezeichnet hat. Ich hatte einen roten Badeanzug bekommen, auf den ich mächtig stolz war. Allerding war er vermutlich aus Baumwolle, denn wenn er nass war, hing er mir fast bis in den Kniekehlen. Aber das hat mich mit sechs Jahren noch nicht wirklich gestört. Meine Schwester hatte auch einen winzig kleinen Badeanzug, sie war ja gerade mal drei Jahre alt. Aber sie zog es vor, lieber „ohne“ baden zu gehen. Immer, wenn keiner guckte, hatte sie ihn ausgezogen und irgendwo hin geschmissen.

Am  Badesee gab es eine längliche Holzbaracke, in der man sich umziehen konnte – eine vollkommen neue Erfahrung für mich: extra eine Häuschen aufzustellen für solche Zwecke – das fand ich erstaunlich, zumal wir in dieser Zeit zuhause noch ein Plumpsklo neben dem Misthaufen hatten und dazu aus den Hinterausgang unseres Hauses hinaus, einen überdachten, mit Sandsteinen ausgelegten Gang entlang gehen mussten, um an den Holzverschlag mit dem gewissen Örtchen zu kommen. Also fand ich eine Baracke extra zum Umkleiden ausgesprochen luxuriös.

Einmal haben wir einen Ausflug mit der „Weißen Flotte“ nach Feldberg gemacht. Dort bekamen wir ein Eis, das war nichts Alltägliches für uns und wir haben uns sehr gefreut. Meine Schwester kam mit der Waffel, die die Form einer halben Muschel hatte, gar nicht klar, sie hatte ja noch so kleine Händchen und das in der Sommerhitze schnell tauende Eis rutschte auf die Erde. Es gab Tränen und so teilten wir uns mein Eis und alles war wieder gut.

Ich kann mich daran erinnern, dass sich meine Mutter an einem Abend für das kreative Gestalten angemeldet hatte. Am nächsten Tag zeigte sie uns eine mit dicker Wolle umwickelte Flasche, die nun eine Vase sein sollte. Ich fand sie hässlich, denn Mutti hatte graue Wolle genommen. Vielleicht gab es auch keine andere Farbe, ich weiß es nicht. Außerdem hielt der Leim nicht, so dass der Faden sich am Flaschenhals immer wieder löste. Die Flaschenvase stand dann noch ewig bei uns daheim rum. Sie ging auch nicht kaputt, wenn sie herunter fiel, weil die dicke Wolle das Zerbrechen verhinderte.

Unsere Mutter hat meine Schwester und mich immer schick angezogen, meistens im Partnerlook … ähm, Schwesternlook ist da wohl das bessere Wort. Wenn ich die alten Fotos angucke haben wir ganz oft die gleichen Sachen an. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich es mit meinen beiden Sprösslingen genauso gemacht habe – lach. Kein Wunder, diese frühkindliche Erfahrung scheint mich wohl sehr geprägt zu haben. Außerdem hat es einen großen Vorteil: geht ein Kind zum Beispiel im Kaufhaus verloren, kann man anhand von Kind Nr. 2 leicht eine exakte Personenbeschreibung abgeben, ohne lang nachdenken zu müssen. „Gesucht wir die kleine Birgit. Sie ist drei Jahre alt und wir haben sie versehentlich in der Spielzeugabteilung vergessen. Birgit trägt ein ärmelloses Sommerkleidchen mit rosa-flieder-weißen Querstreifen, weiße Söckchen, rote Schuhe mit Riemchen und hat einen hellblauen, 15 cm großen Teddybär bei sich. Ihre langen Haare sind aus der Stirn gekämmt und zu einem Dutt aufgesteckt …

Dutt! Das war damals die große Mode. Allerdings endete dieser Modetrend in diesem Urlaub für mich abrupt. Nicht, dass ich bis dato ungerne einen Dutt gehabt hätte, im Gegenteil. Die langen Haare waren manchmal nervig für mich, vor allem, weil es beim Kämmen oft ziepte. Mit einem Dutt allerdings waren die Haare wunderbar gebändigt und ich fühlte mich gleich ein bisschen größer.

Eines Tages in diesem Urlaub hatte uns die Mutter wieder mal unsere langen Haare zu einem Dutt frisiert. Wir durften schon runter gehen und sollten unten im Garten noch ein bisschen spielen, bis die Eltern nachkämen und unser Ausflug losging. Vor dem Haus warteten schon die beiden Jungs, die ebenfalls hier mit ihren Eltern Urlaub machten. Sie waren etwas älter als wir und manchmal unternahmen unsere beiden Familien gemeinsam etwas. Da keine Erwachsenen in der Nähe waren, amüsierten sie sich über unsere Frisuren. Meine Schwester war noch zu klein, um es zu verstehen, aber mir ging das ganz schön ans Gemüt. Ich musste mich sehr zusammen reißen und meine Tränen unterdrücken. Einer der beiden stellte dann fest, nachdem er sich meinen Dutt von hinten oben (er war ja größer als ich) genau betrachtet hatte, dass so ein Dutt aussieht wie das Arschloch einer Katze. Das posaunte er laut lachend heraus und sein Bruder fiel auch noch mit ein. Die beiden haben sich gar nicht wieder eingekriegt und sich köstlich amüsiert auf meine Kosten. Ich war todunglücklich und nahm mir vor, meine Mutti zu überreden, dass sie uns nie, nie wieder so eine Frisur auf den Kopf machte.

Ich kann mich nicht erinnern, ob ich die beiden verpetzt habe. Wahrscheinlich nicht, denn dann hätte ich dieses schlimme Wort mit „A“ in den Mund nehmen müssen und solche Wörter durfte ich ja nicht sagen.

Nach diesem Urlaub hatten unsere Familien noch eine Zeit lang Kontakt, der sich dann aber irgendwann verlor. Inzwischen sind fast 46 Jahre vergangen. Vor einer Woche habe ich durch Zufall einen der „Übeltäter“ von damals wieder entdeckt und ihm die Geschichte erzählt. Er konnte sich nicht erinnern. Klar, er war ja auch nicht betroffen. Aber Frauen vergessen nie – zumindest nicht sowas – lach. Der „Fall“ ist natürlich längst verjährt. Jetzt kann ich darüber herzlich lachen. Ich habe mit meinen Eltern die wenigen, alten Schwarz-Weiß-Fotos von damals raus gesucht und wir haben uns erinnert – das war schön.

Bevor die Wende kam, nutzte ich noch zwei Mal die Gelegenheit, in den FDGB-Urlaub zu fahren. Einmal ging es nach Oberhof, also fast um die Ecke. Das war im Februar 1986, ich war schwanger und mein Mantel ging über den Bauch nicht mehr zu. Ich kann mich an eine Wanderung an die Schanze erinnern. Auf dem Rückweg hat es arg geschneit und ich sah mit meinem dicken Bauch tatsächlich wie ein wandelnder Schneemann aus.

Die zweite Reise ging an die Ostsee, nach Bansin. Das war im Sommer 1990. Diesmal hatten wir eine Ferienwohnung, nahmen aber die Mahlzeiten im  FDGB-Heim ein.

Weitere Erinnerungen habe ich nicht. Den FDGB gab es dann 1990 nicht mehr. Für meine Urlaube eröffneten sich völlig neue Perspektiven, dich ich sofort ausnutzte – und das, ohne Marken in ein Büchlein einkleben zu müssen 😉

Touristischer Mehrkampf – kein Sport für Stubenhocker

Also erst mal vorneweg: diese (scheinbar typische DDR-) Sportart hatte nichts mit Tourismus im Sinne von Reisen zu tun und erst recht nichts mit dem Kampf um den besten Platz am Buffet 😉

„Touristischer Mehrkampf“ – ich weiß nicht mehr genau, wann genau ich mit diesem Sport angefangen habe, ich glaube es war in der 5. Klasse. Auf jeden Fall hat es mir von Anfang an Spaß gemacht.

Wir waren eine Mannschaft aus vier gleichaltrigen Mädchen. Das Alter spielte insofern eine Rolle, da man bei Wettkämpfen in Altersklassen (z.B. weibliche Jugend A oder B) eingeteilt wurde. Und wir wollten an Wettkämpfen teilnehmen. Gut wollten wir auch sein, deshalb trafen wir uns nach der Schule einmal wöchentlich zum Training, vor Wettkämpfen auch öfter. Neben Lauf- und Ausdauertraining wurde auch viel gelernt, z.B. Erste Hilfe, heimatkundliche und topografische Aufgaben, Umgang mit Karte und Kompass, Luftgewehrschießen u.a.

Zuerst fanden Wettkämpfe auf Kreisebene statt. Die Sieger in jeder Altersklasse weiblich bzw. männlich durften an den Bezirksmeisterschaften teilnehmen. Wer dort gewonnen hatte, kam in den Endausscheid – die DDR-Meisterschaft.

Die Wettkämpfe bestanden aus einer Art Orientierungslauf durch ein unbekanntes Gelände. Vor dem Start bekam die Mannschaft eine Landkarte ausgehändigt, die eher spärlich gezeichnet und nicht immer besonders aktuell war sowie eine Laufkarte. Auf der Landkarte waren sogenannte „Kontrollpunkte“ eingezeichnet, die irgendwo verteilt im Gelände lagen, die es zu finden galt und an denen die Mannschaft unterschiedliche, der Altersklasse entsprechende Aufgaben erfüllen musste. Im Prinzip waren es Stationen, „Kontrollpunkte“ (KP) hörte sich scheinbar professioneller an 😉

Für die Erfüllung der Aufgaben gab es Punkte. Je besser man war, umso mehr Punkte wurden in der Laufkarte eingetragen. Die jüngeren Altersklassen hatten weniger Kontrollpunkte anzulaufen und etwas einfachere Aufgaben zu erfüllen. Je höher die Altersklasse, umso anspruchsvoller waren die Aufgaben und die Zahl der Kontrollpunkte (KP)nahm zu.

Ziel war es, in möglichst kurzer Zeit alle Kontrollpunkte (KP) im Gelände zu finden, die Aufgaben dort mit höchst möglicher Punktzahl zu erfüllen und zurück zum Ausgangspunkt zu laufen. Start und Ziel waren der gleiche Punkt. Es blieb der Mannschaft überlassen, in welcher Reihenfolge die KP angelaufen wurde. Wir konnten mit Karte und Kompass umgehen, nach Marschrichtungszahl laufen und uns auch in fremdem Gelände gut orientieren.

Der Start der Mannschaften erfolgt in Abständen von ca. 15 min.

Die Aufgaben an den Kontrollpunkten waren:

– Luftgewehrschießen – oft lag dieser Kontrollpunkt gleich am oder kurz nach dem Start, weil nicht genug Gewehre da waren, um jeder Mannschaft eins mitzugeben

– Zelt aufbauen (das musste mit rum geschleppt werden)

– Flugbilder von Vögeln erkennen

– Entfernungen schätzen

– Hindernisstrecken überwinden (kriechen, hangeln über Schluchten oder Gewässer, Balancieren über Baumstämme, Hindernisse überwinden, also teilweise ähnlich wie Sturmbahn …)

– Erste Hilfe (Brüche notdürftig schienen mit Naturmaterialien, Tragen aus Naturmaterial herstellen, eine „verletzte“ Person über eine Strecke transportieren, stabile Seitenlage, andere Verletzungen versorgen, theoretische Fragen beantworten … die ganze Palette halt)

– Himmelsrichtung ohne Kompass bestimmen

– Pflanzen bestimmen, Blätter den Bäumen zuordnen, Giftpflanzen erkennen

– Suchaufgaben, z.B. bestimmte Pflanze in unmittelbarer Nähe des KP finden

– Fragen zur Lebensweise oder Besonderheiten von Waldtieren, besonders unter Naturschutz stehender Tiere

Bestimmt gab es noch mehr Aufgaben an den KP, die fallen mir im Moment aber nicht ein. Wichtig war es, die Kraft gut einzuteilen, denn in der Regel war man schon (je nach Altersklasse) anderthalb bis zweieinhalb Stunden straff unterwegs. Es kam auch vor, dass man einen KP nicht gefunden hat, dann fehlten natürlich am Ende die Punkte, dafür konnte man durch einen Spurt zurück zum Ausgangspunkt Zeit rausholen.

An zwei Wettkämpfe kann ich mich besonders gut erinnern.

Der eine Wettkampf war genau an dem Tag, an dem ich mich an der Pädagogischen Fachschule in Schmalkalden zum Aufnahmetest einfinden sollte.

Auf den Wettkampf wollte ich nicht verzichten, schließlich konnte ich doch meine Mannschaft nicht hängen lassen und überhaupt hatte ich darauf wesentlich mehr Lust als auf den Test.

Da ich erst etwas später in Schmalkalden dran war, nahm ich also erst an dem Wettkampf teil. Wir waren schnell wie noch nie, hetzten wie von der Tarantel gestochen durch den Wald, da ich unter absolutem Zeitdruck stand. Die Siegerehrung habe ich verpasst, zu dem Zeitpunkt versuchte ich mich auf der Rückbank unseres Trabbis so halbwegs zu restaurieren 😉 Meine Eltern hatten FDJ-Bluse, Rock und Wäsche mitgebracht, waschen konnte ich mich vorher nur notdürftig. Ich musste ja nur zusehen, dass jene Körperstellen sauber waren, die nicht von der Kleidung bedeckt waren, ging halt an dem Tag nicht anders.

Während ich mich mit meinen langen Beinen auf der Rückbank halb verrenkte, las mir meine Mutti vom Beifahrersitz her aus der Zeitung das aktuell politisches Geschehen vor, weil wir dazu auch interviewt werden sollten – stöhn. Darin war ich nicht besonders fit, weil ich es ja nie von mir aus las. Wir kamen pünktlich in Schmalkalden an, ich musste sofort ins „Aktuellpolitische Gespräch“ (somit hatte ich das wenigstens hinter mir) Es fand allein mit einer Lehrerin in einem winzigen Zimmerchen statt (wo ich doch eh schon schwitzte wie sonst was). Sie freute sich sehr über meine frische Hautfarbe (ich kam mir eher wie ein frisch gekochter Hummer vor). Ich erzählte ihr, dass ich grad von einem Wettkampf kam, was sie sehr spannend fand. und worin ich mich wenigstens auskannte und souverän auftreten konnte. Letztendlich drehte sich unser ganzes Gespräch nur um dieses Thema, worin ich mich, im Gegensatz zur Politik, wenigstens auskannte und souverän auftreten konnte. In nullkommanix war meine viertel Stunde rum – hatte ich ein Schwein gehabt!

Dann musste ich noch in ein paar andere Räume und zum Schluss noch zum musischen Test gemeinsam mit ein paar anderen Bewerberinnen, aber da brauchte ich nur eine Oktave von oben nach unten und von unten nach oben zu singen, dann war ich erlöst und fix und fertig. Jedenfalls habe ich nach ein paar Wochen den Bescheid bekommen, dass ich angenommen worden bin.

Der Zweite Wettkampf mit sehr hohem Erinnerungswert fand auf Bezirksebene statt. Damals hatten wir uns so richtig im Gelände verfranzt. Es war sehr heiß an dem Tag und zu allem Übel gerieten wir auch noch in morastiges Gelände. Zum Glück hatten wir die meisten KP angelaufen und hohe Punktzahl erreicht. Uns schien es, als ob die Landkarte nicht stimmte. Wie auch immer, irgendwann landeten wir auf einer Lichtung im Wald, von dort hörten wir Stimmen. Wir waren schon darauf gefasst, unerwartet den noch fehlenden KP entdeckt zu haben. Als wir näher kamen saßen da ein paar Jungs so in unserem Alter und machten Picknick. Uns tropfte schon lange der Zahn, vor allem hatten wir einen heiden Durst. Es gab auch was zu trinken, allerdings nur aus dem Fässle – oh oh! Aber Durst ist schlimmer als Heimweh und so ein Schlückchen Bier hat noch keinem geschadet. Wir brauchten gar nicht viel zu trinken, da wurde uns schon sehr lustig zumute. Es wurde ein bisschen geflirtet und sogar Adressen ausgetauscht. Der Durst war gestillt, der Rückweg wurde uns auch noch gezeigt und schnell gelangten wir ins Ziel, zwar leicht schwankend – aber bei der Hitze konnte das schon mal vorkommen, ne? (Hätte die Jury gewusst …)

1978 haben wir es bis zu den DDR-Meisterschaften geschafft. Die wurden damals in Saalfeld und Unterwellenborn ausgetragen. Ich weiß nicht mehr, welchen Platz wir erreichten. Unter den ersten dreien waren wir jedenfalls nicht. Egal, Dabeisein war schon eine Auszeichnung. Und es war eine Übernachtung dabei, das fanden wir auch toll, weil da abends meistens eine Disco war.

Was hat uns dieser Sport gebracht? Außer dass wir ziemlich fit waren, haben wir natürlich viel dazu gelernt, um die Aufgaben an den KP gut zu erfüllen. Das Wichtigste war aber das Denken und Handeln als Mannschaft, sich gegenseitig anspornen, ergänzen, Rücksicht nehmen und zusammen halten. Manchmal kamen wir wirklich dicht an unsere körperlichen Leistungsgrenzen. Dann war mindestens einer da, der uns wieder aufgerichtet und Mut gemacht hat, schönes Gefühl.

Übrigens: Keiner von uns hat diese Sportart als eine Art der „vormilitärischen“ oder „paramilitärischen“  Ausbildung empfunden. Daran haben wir halbwüchsigen Mädchen überhaupt nicht gedacht. Für uns war es ein Sport – sonst nichts. Erst jetzt, nachdem ich darüber schreibe, sehe ich es etwas anders, denn gewisse militärische Grundzüge lassen sich tatsächlich nicht verleugnen. Allerdings zerbreche ich mir nach so vielen Jahren darüber nicht mehr den Kopf. Es ist Geschichte, abgehakt, vorbei. So war es halt damals. Punkt.

Ein paar der Urkunden habe ich eingescannt. Medaillen gab es natürlich auch, muss mal gucken, wo ich die hin gepackt habe. Wir waren immer stolz über jede neu errungene Medaille und wie verrückt hinter diesem Stück Blech (oder war es Plastik?) her – ein bisschen Ehrgeiz gehört halt zu jedem Sport dazu, stimmts?

Urkunde KreismeisterschaftUrkunde BezirksmeisterschaftUrkunde KreismeisterschaftUrkunde DDR-Meisterschaft

„Salut, Roter Oktober!“ oder: Wie man preiswert nach Berlin kam

1977 durfte ich mit meiner Mannschaft „Touristischer Mehrkampf“ zum „Fest des Roten Oktober“ nach Berlin fahren. Das Fest wurde anlässlich des 60. Jahrestages der Oktoberrevolution im damaligen Russland veranstaltet. Es war selbstverständlich, dass die DDR als kleiner Bruder der großen Sowjetunion dieses Ereignis mit einer würdigen Veranstaltung feierte.

An solchen Veranstaltungen durften immer nur ausgewählte FDJ-ler teilnehmen. Die Teilnehmer bekamen dann ein Mandat für diese Veranstaltung, sozusagen eine „Fahrkarte“ nach Berlin. Die Veranstaltungen zu solchen Jahrestagen zogen sich meistens über mehrere Tage hin. Die Jugendlichen wurden in der Regel einheitlich eingekleidet, meist mit gleichen Jacken und Kopfbedeckungen. Stoffbeutel mit aufgeruckten Emblemen (oder waren es doch nur Plastikbeutel?) rundeten das Outfit ab.

Okt 4 001  Karte

Hier ein Ausschnitt aus meinem Mandat und meine Eintrittskarte für die Eröffnungsveranstaltung.

Diesmal waren wir also die Auserwählten. Wir durften nach Berlin fahren! Das fanden wir fetzig! Natürlich bekamen auch wir einheitliche Nylonjacken und eine Art Mütze oder Hut mit einem roten Stern vorne dran. Der Hut sah echt bescheuert aus, fand ich. Sollte ich ihn irgendwann wieder finden, dann werde ich ihn fotografieren und hier abbilden. Jeder Leser kann sich dann vorstellen, dass ein 14jähriges Mädchen sowas nicht unbedingt auf dem Kopf haben muss. Ich beschloss, das Teil nur dann zu tragen, wenn es sich gar nicht vermeiden ließ – sprich, wenn es strikt angeordnet wurde.

Wir bereiteten uns auf die Fahrt vor, indem wir eine Wandzeitung gestalteten. Wir sollten während unseres Aufenthaltes in Berlin an einem Erfahrungsaustausch an einer Schule teilnehmen und wollten mit der Wandzeitung über das Training, die Wettkämpfe und unsere Erfolge berichten. Immerhin waren wir jedes Jahr Kreismeister im Touristischen Mehrkampf, landeten auch bei den Bezirksmeisterschaften immer auf dem Siegertreppchen und schafften es sogar einmal bis zu den DDR-Meisterschaften. (Ich werde in einem anderen Block mal erzählen, was „Touristischer Mehrkampf“ ist.)

Zu solchen Großveranstaltungen kamen die auserwählten Jugendlichen aus der ganzen Republik nach Berlin. Sie mussten natürlich alle untergebracht werden. Meistens erfolgte die Unterbringung in Schulen. Es wurden Luftmatratzen in Klassenräume gelegt – fertig. Manche Teilnehmer wurden auch in Gastfamilien untergebracht.

Unser Quartier – mit UNSER meine ich einen Teil der Delegation aus dem Bezirk Suhl – war die 13. Oberschule in der Adalbertstraße. Mit unseren Mandaten durften wir übrigens alle öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, so oft wir wollten und im ganzen Raum Berlin, Ostberlin natürlich, logisch. Schnell hatten wir uns alle wichtigen Verbindungen, Umsteigebahnhöfe und die Stationen, die dazwischen lagen, eingeprägt. Die Versorgung zum Frühstück und Abendbrot erfolgte über Verpflegungsbeutel (wir sagten Fresspakete), Mittag gab es warmes Essen am jeweiligen Ort des Aufenthaltes. Es war immer reichlich und auch Obst war dabei.

Quartier        Okt 3 001

Foto links: unser Quartier. die 13.Oberschule in der Adalbertstraße und rechts ein nicht besonders gutes Foto von der Festveranstaltung im Stadion der Weltjugend. Hier sieht man unsere ausgefallenen Kopfbedeckungen 😉

Das Beste an der ganzen Sache war, wir konnten viel selbst unternehmen. Wir mussten lediglich zu den vorgeschriebenen Zeiten wieder im „Objekt“ sein bzw. uns zu den angeordneten Veranstaltungen einfinden. Außerdem sollten wir uns jeder Zeit und überall angemessen benehmen, schließlich waren wir ja auserwählte FDJ-ler. Wir nutzten diese Freiheit natürlich voll aus und erkundeten Berlin auf eigene Faust. Wir kamen zwar aus einem kleinen Dorf, noch dazu aus dem letzten Zipfel der Republik, auch guckte man uns öfter komisch an, wegen unserer fränkischen Mundart, aber wir bewegten uns wie selbstverständlich, ohne Ängste und Hemmungen in Berlin, als wären wir jede Woche dort. Ach, es war einfach schön. Die Tage vergingen viel zu schnell.

Das Ganze hat sicher einen Haufen Geld gekostet, da ließ sich die Regierung wirklich nicht lumpen. Wir fragten nicht danach, als Jugendliche interessierte uns das nicht. Wir wollten nur was erleben. Dennoch, die Einkleidung der Teilnehmer, die Reisekosten, die Unterbringung und Verpflegung, die Organisation der Massenveranstaltungen, es gab Auftritte von Rockbands und es wurde einfach ganz viel geboten – das war nicht grad ein Pappenstiel. Für die Regierung war wichtig: Es wurde präsentiert, es wurden Parolen geschwungen, der Sozialismus zeigte sich von seiner Sonnenseite, es war gute Stimmung unter den Teilnehmern und die Eröffnungsveranstaltung im „Stadion der Weltjugend“ war durchorganisiert bis ins kleinste Detail.

Keine Ahnung, was die Berliner von solchen Spektakeln hielten. Ich glaube, sie waren froh, wenn der ganze Rummel wieder vorbei war, die U- und S-Bahnen nicht mehr überfüllt waren und der Alltag wieder einkehrte. Aber auch darüber zerbrachen wir uns damals nicht den Kopf.

Die morgendlichen Appelle ließen wir über uns ergehen, dann gehörte der Tag uns. Und manchmal, wenn ich mir die alten Schwarz-Weiß-Fotos angucke und mich an die Zeit erinnere, fallen mir Textstücke aus den Liedern der Singegruppen ein:

„Und das war im Oktober, als das so war, in Petrograd, in Russland, im siebzehner Jahr …“

Dann muss ich schmunzeln und staune darüber, was einem doch im Gedächtnis so alles hängen bleibt …

Übrigens hätte ich wohl nie im Leben eine „Fahrkarte“ nach Berlin bekommen, wenn ich eine schlechte Sportlerin gewesen wäre. Immerhin war ich getauft, nahm in meiner Freizeit am Konfirmandenunterricht teil und sollte ein halbes Jahr später konfirmiert werden, außerdem hatten meine Eltern Kontakte nach dem Westen und keiner in unserer Familie war in der Partei, ähm, ich korrigiere, in der richtigen Partei! (mein Opa war ja in der CDU …) – also: ich war wirklich nicht grad der perfekte kommunistische Nachwuchskader 😉

So sah mein "Mandat" aus, mein Freifahrschein nach Berlin

Die Innenseite des Mandates

Die Innenseite des Mandates

Es gibt eine DVD: Salut, Roter Oktober – Ein Film von Rolf Schnabel zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution (1977, Farbe)

Ein Bildchen von dem Hut habe ich auch entdeckt unter:

http://t3.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcSaiFAcLYTy7f3Mpc-QVTHVfPQGjUkncD56uK20uPBtW1TYCipurJA9Yg

Für Luftballons gab´s keine Grenzen

Zur Kartoffelernte im Herbst 1964 fand meine Oma nicht nur jede Menge Kartoffeln auf dem Feld, die sie eifrig in ihren Korb sammelte, zum Einen, um ihrer Arbeit als LPG-Bäuerin nachzugehen und zum Anderen, um den sozialistischen Plan wieder mal über zu erfüllen. Sie fand auch noch etwas ganz Anderes, etwas, was da gar nicht hin gehörte auf so ein sozialistisches Kartoffelfeld – die Reste eines längst nicht mehr sehr ansehnlichen, aber doch noch deutlich als solchen erkennbaren Luftballons. Und das Besondere an ihm war: Es hing ein Kärtchen daran, auf dem etwas stand. Meine Oma war nicht dumm, erfasste rasch die Situation, kombinierte in einem Bruchteil einer Sekunde die Tatsache, der kann nur von „drüben“ sein (Sherlock Holmes wäre höchst beeindruckt gewesen!) und ruck-zuck war das „Corpus Delicti“ unter ihrer Schürze verschwunden.

Ein unauffälliger Blick in die Runde folgte. Hatte sie auch ja keiner beobachtet? Um Himmels Willen, bloß das nicht! Aber die anderen Frauen waren alle in ihre Arbeit vertieft und sammelten mit gebeugten Rücken fleißig Kartoffeln in die sozialistischen Planwirtschaftskörbe. Der Traktorist hatte gerade mit seinem „Pionier“ einen leeren Hänger für die „Erdäpfel“ gebracht und war ebenfalls beschäftigt. Alles gut! Also weiter im Takt der Volkswirtschaft.

Erst am Abend zuhause wurde das Fundstück näher begutachtet und festgestellt, auf dem Kärtchen stand eine Adresse, vermutlich handelte es sich um ein Kind, dass an einem Ballonwettbewerb teilgenommen hatte. Aber die Adresse! Aus dem Westen! Hui, das war ein heißes Eisen und musste deshalb unter strengster Geheimhaltung an einem sicheren Ort aufbewahrt werden, bis ein endgültiger Beschluss über die weitere Verfahrensweise im engsten Familienrat getroffen wurde.

Die Entscheidung war zu treffen zwischen

  1. Senden einer Antwort an den Absender oder
  2. dem Vernichten des Ballonrestes und seines Anhanges und so-tun-als-wäre-nix-gewesen.

Variante zwei wäre die für einen im Denken und Handeln sozialistisch geprägten Staatsbürger der Deutschen Demokratischen Republik die einzige akzeptable und richtige Verhaltensweise gewesen. Scheinbar waren das weder meine Großeltern noch meine Eltern. Denn dies hätte unverzügliches Handeln voraus gesetzt. Pustekuchen:

Die nächsten Abende wurde beratschlagt, abgewogen, hin und her diskutiert. Man neigte inzwischen dazu, dem Kindchen, das sicherlich auf eine Antwort wartete und vielleicht einen Preis gewinnen würde, zu schreiben. Da gab es nur noch zwei Probleme. Das erste Problem war, dass die Post in den Westen kontrolliert wurde. Daraus ergab sich das zweite Problem. Der Sohn meiner Großeltern war bei den Grenztruppen in Streufdorf, hatte sich freiwillig für 10 Jahre verpflichtet. Wenn die Sache aufflog, würde er dann rausfliegen?Ballon 001

Letztendlich hat meine Mutter dann doch einen Brief geschrieben, ohne Rücksicht auf ihren Bruder zu nehmen. Der Brief kam an und bald eine Antwort aus dem Hessischen mit der Geschichte des Ballons zurück.

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Es entstand eine herzliche Brieffreundschaft. Später, als mein Opa Rentner war, besuchte er einmal im Jahr die Familie in dem Dorf in Hessen und Ende der 70er Jahre, wir waren damals zum Glück nicht mehr im Sperrgebiet, besuchten sie uns zum ersten Mal und von da an immer wieder. Nie hätten meine Eltern gedacht, dass so ein Besuch umgekehrt auch mal möglich sein würde, dass der „Eiserne Vorhang“, der Deutschland trennte, noch in diesem Jahrtausend fallen würde – das wusste nur mein Opa, der wusste immer schon alles vorher, dafür hatte er so ein gewisses Gespür … 😉

Als meine Mutter nach der Wende Einsicht in ihre Stasi-Akte beantragt hatte, fand sie bei den Dokumenten u.a. Kopien der ersten Briefe an diese Familie. Also wurden die Briefe tatsächlich geöffnet und gelesen, bevor sie weiter geleitet wurden. Egal aus welcher Richtung sie kamen. Man möchte sich heute noch fremdschämen dafür … Mutti hat natürlich darauf geachtet, was sie geschrieben hat, denn sie wollte ja nicht, dass die Briefe einbehalten und vernichtet wurden. Ihrem Bruder sind nie irgendwelche Schwierigkeiten aus dieser sich anbahnenden Freundschaft erwachsen.

Noch heute sind meine Eltern mit dieser Familie und ihren Angehörigen sehr herzlich verbunden und pflegen den Kontakt. Bei Familienfeiern gehören sie wie selbstverständlich mit dazu.

Was für eine wunderbare Bereicherung unseres Lebens!

Wie schade, dass die Oma schon so früh gestorben ist und das alles nicht mehr erleben durfte. Könnte ich ihr einen Ballon in den Himmel schicken, dann würde ich einfach nur auf das Kärtchen schreiben:

Danke, Oma, wir alle denken an dich!

12. November 1989 … und ein Trabiduft lag in der Luft

Es ist wieder Kirmes in Gleichamberg. Ich denke zurück, erinnere mich an die Kirmes vor 25 Jahren. Die Grenze nach „drüben“ war gerade geöffnet worden. Viele Menschen aus meinem Umfeld hatten die Gelegenheit schon genutzt und waren über den Eisfelder Grenzübergang mal schnell auf einen Abstecher in den Westen gefahren, nur mal zum Umgucken. Die Meisten sind dann wieder zurück gekommen. Manche auch nicht.

Klar war ich auch neugierig, hatte es aber nicht so eilig. Mein Papa hatte sich mit ein paar Männern aus dem Dorf ausgemacht: Sonntag sollte es im „Konvoi“ nach Rodach gehen. Abfahrt 4.00 Uhr.

4.00 Uhr !!! Verrückt, oder? Aber letztendlich musste ich mich fügen, wenn ich mit wollte, denn ich hatte ja kein eigenes Auto. Ich überlegte also, wie ich die Kirmes und diesen Ausflug in unser Nachbarbundesland Bayern unter einen Hut bringen konnte, schließlich wollte ich weder das Eine noch das Andere verpassen. Die frühe Abfahrtszeit hatten sie sich deshalb überlegt, weil sie glaubten, dass sie dann am Grenzübergang nicht all zu lange warten müssten. Ich ahnte schon, dass es eine laaaaaange und abenteuerliche Nacht für mich werden würde …

Den Kirmestanz empfand ich irgendwie anders als die Jahre vorher. Es lag so eine Spannung in der Luft. Das Hauptgesprächsthema war natürlich die Grenzöffnung. Manche konnten es noch gar nicht richtig glauben, andere berichteten schon von ihren ersten Touren nach dem Westen, vom Begrüßungsgeld und von den Menschen drüben. Naja, das stand mir ja noch alles bevor und ich war sehr gespannt darauf.

Irgendwann so zwischen 2.00 und 3.00 Uhr kam ich von der Kirmes heim. Im Badeofen war das Wasser noch warm, so dass ich mich duschen und den Qualm der Zigaretten und den Mief des Tanzsaals von mir abspülen konnte. Schließlich wollte ich einen ordentlichen Eindruck „drüben“ hinterlassen. Danach fühlte ich mich erfrischt und fit für Teil 2 dieser Nacht. Es war schon recht kalt an diesem Wochenende, also mummelte ich mich warm ein, denn wir wussten ja nicht, wie lange wir am Grenzübergang warten mussten bzw. wie wir die Zeit bis zum Tagesanbruch in Rodach verbringen würden.

Inzwischen war auch Papa aufgestanden. Er hatte (im Gegensatz zu mir) das Glück gehabt, wenigstens ein paar Stunden geschlafen zu haben. Er kochte Kaffee und wir dachten darüber nach, was wäre, wenn es unserer Obrigkeit plötzlich einfiele, die Grenzen doch wieder dicht zu machen. Dann wären wir im Westen und kämen nicht mehr heim! Man konnte ja nie wissen, was denen einfiel im Politbüro der DDR. Also packte ich vorsichtshalber das mir in meinem Leben Liebste und Wichtigste ins Auto: J1, damals 3 Jahre alt (J2 lag zu diesem Zeitpunkt noch als Quark im Schaufenster). Es war für ihn natürlich ein Abenteuer, als ich ihm erzählte, dass wir jetzt in den Westen fahren würden, über eine Grenze, mit unserem Trabi. Er fragte, warum die Oma nicht mit fährt und sein Opa Ur. Wir sagten ihm, dass die Oma und der Uropa auf das Haus aufpassen müssen, solange wir weg sind. Diese Antwort stellte ihn zufrieden.

In Wahrheit hatte Oma Angst, sie wollte gar nicht mit. Und „Opa Ur“ war schon oft genug „drüben“, er fand, dass jetzt erst mal wir dran wären. Oma hatte natürlich auch Angst um uns, aber wir waren nun nicht mehr zu halten. So nach und nach trafen die anderen mit ihren Trabis am Treffpunkt ein. „Lothar, du fährst vorne weg. Du kennst den Weg.“ sagte Nachbar Ed. Natürlich kannte Papa den Weg. Bis Eisfeld. Was allerdings nach dem Schlagbaum kam, da hatte er keinen Schimmer, woher denn auch. Aber er fügte sich in sein Schicksal und lotste unseren Trabi-Konvoi souverän über den Grenzübergang Eisfeld bis nach Rodach direkt vor das Rathaus mitten in dem kleinen Städtchen.

Wer allerdings denkt, dass wir in der frühen Stunde bei den ersten am Grenzübergang dabei waren, täuscht sich. Weit gefehlt! Am Grenzübergang reihten wir uns andächtig in die sich nur langsam vorwärts zuckelnde Rücklichterschlange ein. Wo die nur alle hin wollten? Hoffentlich nicht nach Rodach … So groß sollte der Ort dem Hörensagen nach nun auch wieder nicht sein … Ein bisschen komisch war uns allen zumute, als wir die Grenze passierten. Mein Adrenalinspiegel, der sich nach dem Kirmestanz gerade wieder auf Pegel normal eingespielt hatte, bekam nun einen erneuten Schub. Kurz nach dem Grenzübergang hielten wir erst einmal auf einem kleinen Parkplatz an. Wir stiegen aus unseren Trabi´s und standen auf bayrischem Boden.

Was fühlte ich in diesem Moment? Ergriffenheit, Euphorie, Unsicherheit, Angst, Glück? Ich horchte in mich hinein, versuchte das dominierende Gefühl in mir zu ergründen. Es gelang mir nicht. Die Gedanken überschlugen sich: Wie wird das alles weiter gehen? Was kommt jetzt als Nächstes? Mein Körper war hundemüde, mein Geist war hellwach – und ich war im Westen! Meine Nachbarin rüttelte mich an den Schultern: „Wir sind im Westen! Ich glaub das net! Wir sind im Westen!“

Naja, wenn man es ganz genau nimmt, waren wir ja eigentlich geografisch gesehen eher Richtung Osten gefahren und trotzdem im „Westen“ raus gekommen. Das liegt daran, dass wir in unserem Heldburger Unterland quasi vom „Westen“ fast umzingelt waren. Das muss man sich mal vorstellen! Von drei Seiten Klassenfeind – lach!

Nach kurzem Einatmen westlicher Luft, sozusagen „Aklimatisierung“, ging die Fahrt, Lothar weiterhin vorne dran, weil er sich ja auskannte ;-), nach Rodach weiter, wo wir, wie bereits erwähnt, vor dem Rathaus parkten. Papa`s schnuckliger, hellblauer Trabi, den er übrigens wie seinen Augapfel hütete, wie ein Baby pflegte und den ich nur unter Aufsicht und in Notsituationen fahren durfte, stand genau da, wo sonst der Dienstwagen des Rodacher Bürgermeisters parkt. Das erzählte uns später ein Anwohner.

rODACH 001

Während ich mich auf dem Rücksitz meinen Gedanken hingab und dabei irgendwann mit J1 im Arm in der von unserer Standheizung erzeugten wohligen Wärme erschöpft vom Kirmestanz und dem frühen Aufbruch einschlief, machte sich Papa auf den Weg in eine Telefonzelle. Dort blätterte er im Telefonbuch und fand schnell die Adresse seines ehemaligen Kumpels aus Jugendtagen. Er wollte ihn unbedingt besuchen.

Endlich wurde es Tag. Die Scheiben des Autos waren ganz beschlagen von unserer Atemluft und ich musste mir erst mal ein Guckloch frei wischen. Irgendwie fühlte ich mich wie durch die Mangel gedreht nach der langen Nacht. Es sträubte sich alles in mir, jetzt aus dem schönen warmen Auto in die Eiseskälte auszusteigen, aber inzwischen hatte das Amt geöffnet und man konnte sich für das Begrüßungsgeld anstellen.

Das Begrüßungsgeld! Mir war das sowas von peinlich! Als berufstätige Frau, als eine in Vollzeit beschäftigte Angestellte, als eine finanziell vollkommen unabhängige und emanzipierte Mutter, empfand ich es als sehr unangenehm, Geld zu bekommen, ohne eine Leistung dafür zu erbringen. Trotzdem habe ich mich angestellt. Alle haben sich angestellt. Auch die, die immer gegen den Westen schwadroniert haben. Und ich möchte wetten, die hatten weniger Skrupel als ich. Ich hoffte sehr, dass mir niemand Bekanntes begegnen würde. Das Schlange stehen waren wir ja gewöhnt, aber damals kam ich mir vor wie eine Bettlerin. Dabei wollte ich von dem Geld nur für meinen Junior Sachen kaufen, die ich bei uns einfach nicht bekam. Letztendlich kaufte ich gar nichts, weil mir sogar das Einkaufen peinlich gewesen wäre, denn jede Verkäuferin wusste ja, woher das Geld kam.

Wir besuchten dann den Jugendfreund meines Vaters, es gab ein großes Hallo und eine Tafel Schokolade für Junior. Etwas später traf sich unsere Konvoi-Besatzung in einem Restaurant, studierte die Speisekarte, bestellte dann leicht irritiert angesichts der ungewohnten Preise doch nur ein Getränk und aß anschließend einen Teller leckerer Erbsensuppe, die es aus einem Kübel auf dem Rodacher Marktplatz, von freiwilligen Helfern verteilt, kostenlos für die Besucher aus dem Osten gab.

Rodach 2 001

Wo wir auch hin gingen, alle Rodacher begegneten uns sehr herzlich und hilfsbereit. Heute frag ich mich, wie sie diese „Invasion“ und den Gestank der vielen Trabis ertragen haben. Wir waren das ja gewöhnt, haben es nicht mal mehr wahr genommen. Ihnen schien es zumindest an diesem Sonntag im November nichts auszumachen.

Wir fuhren erst gegen Mittag wieder zurück. Die Grenze war immer noch auf 😉

Ich konnte nun auch ein kleines bisschen mitreden über den „Westen“, hatte die ersten DM-Scheinchen in meiner Tasche, die ich nie ausgeben würde (dachte ich jedenfalls am Anfang, etwas später kleidetet ich meinen Knirps doch noch neu ein – allerdings über ein Versandhaus) und hatte nur noch einen sehnlichen Wunsch: Endlich SCHLAFEN

Wanted – Eheversprechen nicht eingelöst!

Februar 1966. Faschingszeit. Im Kinosaal war Kinderfasching angesagt und meine Mutter hatte mich als kleine Prinzessin verkleidet, mit glitzernden Sternchen auf dem hellblauen Kleidchen, zartem Schleier aus Tüll und einem kleinen Krönchen auf dem blonden Lockenköpfchen.

Bevor ich jedoch im allgemeinen Gewimmel meine Sachen ruinierte, stand das obligatorische Faschingsfoto an. Nach den Anweisungen meiner Mutter sollte ich mich vor der Haustüre auf die Treppe stellen und artig in die Kamera lächeln. Dazu hatte ich aber gerade gar keine Lust. Im Fotoalbum fand ich drei Fotos. Auf dem ersten Foto drücke ich mich an den Türrahmen und habe die Finger im Mund, was ganz und gar nicht den Vorstellungen meiner Mutter entsprach. Auf dem zweiten Foto sieht es so aus, als ob ich die Flucht ergreifen wollte.

Letztendlich scheint die Sache doch noch ein gutes Ende gefunden zu haben, denn es existiert ein Foto, da sitze ich ganz artig auf dem Schoß eines Gefreiten der Nationalen Volksarmee der DDR. Wie ich später erfuhr, kamen just in dem Moment, als ich herum zickte, ein paar Soldaten des Weges und amüsierten sich über meine Sturheit. Einer ergriff erst die Initiative und dann mich, hob mich kurzerhand auf seinen Schoß und so entstand das dritte Foto in meinem Album.

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Ich hielt mucksmäuschenstill, weil mir die Uniform großen Respekt einflößte und war heilfroh, als er mich wieder laufen ließ. Meine Mutter war natürlich glücklich, dass der fremde Soldat mich gebändigt hatte und dadurch ein brauchbares Foto zustande gekommen war. Zum Abschied habe der Soldat gesagt, dass er in 20 Jahren wieder kommen und mich heiraten würde, was bei seinen Kumpanen Beifall und Gelächter auslöste.

Nun frage ich mich, wo ist der Kerl damals geblieben? Erst Versprechungen machen und dann untertauchen? 😉

Ich habe mir also einen anderen gesucht 😉 Trotzdem würde ich gerne wissen, wer das damals war, ob er noch lebt und wenn ja, wo. In den Grenzkompanien von Streufdorf und Römhild waren Grenztruppen der NVA stationiert, möglicherweise hat der Mann dort seinen Wehrdienst geleistet.

Übrigens: Manchmal mussten die Soldaten zu Kompanieübungen ausrücken und mit voller Ausrüstung 10, 30 oder bis 50 km zu Fuß gehen. Sie waren zwar nach der harten Grundausbildung gut trainiert und hatten Ausdauer, aber in den Stiefeln war es für viele die reinste Tortur, wenn sie sich Blasen an den Füßen gelaufen hatten. Meine Oma hatte immer Mitleid mit ihnen: „Müssen die denn die armen Jüngle so dressieren?“ – das war ihr Spruch. Helfen konnte sie ihnen aber auch nicht.