Urlaubsnachlese

Den ersten Schnee hat es in den Höhenlagen des Thüringer Waldes schon gegeben. Mal sehen, wie der Winter heuer wird. Die letzten beiden Jahre war nicht viel los mit weißer Pracht und so. Ich lass mich überraschen. Letztendlich müssen wir das Wetter nehmen, wie es kommt. Die Winterräder am Auto sind drauf. Ein paar andere Dinge, die ich für eventuelle Fälle unterwegs brauchen könnte, habe ich ebenfalls bereits im Auto: Wolldecke, Eiskratzer, kleiner Handbesen, Scheibenenteiserspray, Mütze, Handschuhe, Taschenwärmer für die Hände usw.

Voriges Wochenende habe ich meinen letzten Mittagsschlaf für dieses Jahr im Auto gemacht. Nach dem frühem Aufstehen und einer Wanderung am Rennsteig hat mir das richtig gut getan. Am darauffolgenden Tag räumte ich Matratze und Schlafsack ganz schweren Herzens nun doch endlich aus. Die Sachen hatte ich die ganze Zeit seit dem Urlaub noch im Auto gelassen. Das war praktisch, denn meine Mittagspausen auf Arbeit verbrachte ich den ganzen September lang fast täglich im Auto bei einem Nickerchen. Wie entspannend! Mein Plan war eigentlich, dass ich mir noch mal eine kleine Auszeit gönne und meine letzten paar Urlaubstage ganz locker per Seatcamping (huiiii – ein neues Wohort) an der Ostsee verbringe, so wie ich es im August schon mal getan hatte, auf der Insel Poel, was war die Woche herrlich … Wahrscheinlich würde ich mir da jetzt in der Nacht den Hintern abfrieren, wo ich doch so eine Frostbeule bin. Trotzdem sehne ich mich ans Meer zurück und immer wenn ich ein Autobahnhinweisschild sehe, möchte ich am liebsten losdüsen und alles für ein paar Tage hinter mir lassen.

Beim Ausräumen und Verstauen der „Autocamping“-Sachen dachte ich an ein paar kuriose Begebenheiten der letzten Wochen.

Kurz nach meinem Urlaub, Matratze, Schlafsack und Kopfkissen lagen wie erwähnt für den nächsten Kurztrip noch im Auto, wollte ich für die Kollegen auf Arbeit nachträglich etwas auf meinen Geburtstag ausgeben. Also fuhr ich nach einem langen Arbeitstag zum Supermarkt. Ich wollte schnell heim kommen und schob hastig meinen Einkaufswagen durch die Gänge. Wie gut, dass ich mir einen Einkaufszettel geschrieben hatte, da brauchte ich meinen Kopf nicht unnötig anzustrengen, denn der war sowieso voll mit vielen anderen Gedanken. An der Kasse ging es zügig und schon stand ich mit meinem vollen Einkaufswagen auf dem Rollband Richtung Parkdeck im Untergeschoss.

Untergeschoss? Ich stutzte und plötzlich fiel mir ein, dass mein Auto ja gar nicht unten stand sondern oben gleich gegenüber vom Haupteingang. Ich versuchte einer spontanen Eingebung folgend meinen Einkaufswagen rückwärts vom Rollband nach oben zu ziehen, was natürlich vollkommen aussichtslos war und sicher urkomisch ausgesehen haben muss, deshalb hörte ich damit auf, guckte mich um, ob es auch ja keiner gesehen hat, und musste plötzlich über mich selbst lachen.

Unten kam gerade ein Mann um die Ecke herum und betrat mit seinem Einkaufswagen voller Leergut das Rollband auf der anderen Seite, das nach oben führte.

Situation:

Mann sieht Frau mit vollem Einkaufswagen auf dem Rollband nach unten, sie ist ganz allein und sie lacht laut und herzhaft.

Frau sieht Mann mit Einkaufswagen voller leerer Flaschen auf dem Rollband nach oben, er ist allein, er schaut sie an, kratzt sich hinter dem Ohr und zieht die Stirn kraus. 

Ich musste noch mehr lachen, als ich sein Gesicht sah. Ich wollte mit dem Lachen aufhören, aber es ging nicht. Wenn ich angestrengt versuche, nicht zu lachen, dann muss ich erst recht lachen. Also versuchte ich nicht weiter, nicht zu lachen. Er grinste und guckte sich verunsichert um. Also fragte er mich, was denn so lustig wäre. Mir standen schon Tränen in den Augen und so brachte ich nur: „Mein Auto …“ heraus und zeigte mit dem ausgestreckten Arm nach oben während ich weiter nach unten fuhr und ununterbrochen weiter lachen musste. Er verstand sofort, was ich meinte, nickte und musste nun auch herzhaft lachen. Unten angekommen, inzwischen hatten hinter mir zwei weitere Personen mit ihren voll beladenen Einkaufswägen das Band betreten, beschrieb ich einen eleganten Bogen, wischte mir dabei schnell die Lachtränen aus dem Gesicht, und ließ mich und meinen vollen Einkaufswagen von dem Band auf der anderen Seite wieder nach oben transportieren. Ich verkniff mir diesmal unter allergrößten Mühen das Lachen, versuchte eine gleichgültige Mine aufzusetzen (ja, ganz so gleichgültig war sie doch nicht,  die Mundwinkel haben schon tüchtig gezuckt) und schaute die beiden Leute auf dem Band nach unten an, als ob es ganz normal wäre, mit den Einkäufen zum Zeitvertreib hoch und runter zu fahren.

Oben stand der Mann und wartete darauf, mir redselig mitteilen zu können, dass ihm das auch schon passiert wäre. In großen Parkhäusern schreibe er sich sogar die Nummern des Parkplatzes auf. Na also, gibt es noch mehr so zerstreute Menschen. Ich zollte ihm Anerkennung für die gute Idee mit dem Aufschreiben, wir lachten nochmal zusammen und während er zum Leergutautomaten ging, nahm ich diesmal den richtigen Ausgang, schmunzelte noch ein bisschen in mich rein und wollte anfangen, die Einkäufe im Auto zu verstauen (hatte ich irgendwann schon mal erwähnt, dass ich Einkaufen hasse?)

Wie ein riesiges Maul sperrte die fünfte Tür meines Autos ihren Rachen auf und gab den Blick frei auf eine Matratze, Kopfkissen, Schlafsack, Wasserkanister, Klopapierrolle, Taschenlampe, Insektenspray, Regenschirm und eine provisorische „Wäscheleine“ aus Paketschnur mit vier blauen Klammern daran. Ich hatte die Schnur zwischen den Haltegriffen an der Decke neben den Rücksitzen gespannt – clever, ne?

Zu dumm nur, dass ich die Klappboxen für die Einkäufe nicht dabei hatte. So ein Mist aber auch! Mann, eh, jetzt musste ich den ganzen Einkauf so ins Auto legen, das macht mir wieder mehr Arbeit daheim. Fast wäre meine gute Stimmung von eben wieder verflogen gewesen. Als ich gerade dabei war, etwas unmotiviert Frischkäse, Baguettes (natürlich in der Tüte), schwarzen Tee, Bohnenkaffee, Pizzagewürz, Mozzarella … kurzum meine Einkäufe einzeln, immer schön nacheinander wie Wurfscheiben lässig aus dem Handgelenk heraus ins Innere des durch Matratze, Schlafsack und Kissen gepolsterten Autos zu befördern, als plötzlich der Mann vom Rollband noch mal lachend auf mich zugelaufen kam und schon aus geraumer Entfernung anfing zu berichten, dass er sogar schon mehrmals den Wertbon für das Leergut, dabei schwenkte er diesen demonstrativ in der Hand, in dem Automat hatte liegen … Doch in diesem Augenblick verschlug es ihm abrupt die Sprache, denn er war bei meinem Auto angekommen und starrte in das Maul des Kofferraums hinein. Er sah nicht das darin, was er scheinbar erwartet hatte. Auf meinem Schlafsack und dem Kopfkissen lagen inzwischen neben den oben genannten Sachen noch Haarwäsche, Rasierklingen, Servietten, Katzenfutter, zwei Stumpenkerzen, ein halbes Brot, eine Flasche Riesling, Gummihandschuhe u.a. Er guckte mich ganz sonderbar mit etwas zur Seite geneigtem Kopf an. Irgendwie sah er leicht verstört aus. Ich guckte zurück, sehr entspannt und lächelnd, hob kurz die Schultern und erklärte ziemlich glaubhaft, während ich locker-flockig noch eine Packung Vanillezucker und Kaugummis ins Auto schleuderte: „Naja, auf Besuch bin ich heut eigentlich nicht eingestellt, sonst hätte ich vorher etwas aufgeräumt. Gefällt`s Ihnen nicht bei mir? Also, ja, im Winter wird es manchmal etwas frisch, aber die paar Monate gehen auch schnell rum, ne? Und durch den Klimawandel wird das ja nicht mehr ganz so kalt …“  Dabei nickte ich überzeugt. Er brachte noch ein „Ja, ach so, ja klar. Ich muss dann auch wieder …“ zustande und war dann ziemlich schnell im Inneren des Supermarktes verschwunden. Meine Laune hatte sich schlagartig verbessert.

Vergnügt fuhr ich an Hibu Ost vorbei Richtung Innenstadt. Nur einen ganz winzigen Augenblick lang zögerte ich an der Kreuzung mit dem Wegweiser Richtung Autobahn, seufzte kurz und fuhr nicht dorthin, wo ich gerne hin gefahren wäre, obwohl ich meinte, für einen kurzen Moment eine Möwe kreischen gehört zu haben.

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Ich fuhr einfach heim.

Schüsse in der Nacht

Es war Anfang der 1980er, Sommer, Semesterferien.

Die Nacht war schon angebrochen und ich lag bei offenem Fenster im Bett. Irgendwo lief noch ein Fernsehgerät. Ich versuchte ein paar Wortfetzen aufzuschnappen und daran die Sendung zu erkennen. Es gelang mir nicht. Dann muss ich eingeschlafen sein.

Ich wachte auf, weil es mehrmals laut knallte. Der Wecker zeigte an, dass ich noch nicht sehr lange geschlafen hatte. Zuerst dachte ich, dass es ein Traum gewesen wäre. Dann knallte es wieder, mehrmals hintereinander und mir wurde bewusst, dass es Schüsse waren. Ich sprang aus dem Bett und schaute zum Fenster raus. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Was war passiert? Ging es jetzt los? Nur was genau sollte los gehen?

Man hat uns immer eingeimpft, dass unsere Staatsgrenze vor dem „imperialistischen Klassenfeind“ geschützt werden muss. Die Grenze war nicht weit. Wurden wir angegriffen? Was gab es denn bei uns schon zu holen? Oje, sowas durfte man nicht denken, schon gar nicht, wenn man wie ich auf Kosten des Staates studierte.

Plötzlich begann ein Maschinengewehr zu rattern. Bisher hatte ich dieses Geräusch nur in Filmen gehört. Es hörte sich viel schlimmer an. Furchtbare Bilder aus Kriegsfilmen kamen mir in den Sinn. Ich war unfähig mich zu bewegen. Meine Beine waren wie Gummi. Auch in anderen Häusern in der Straße sah ich nun ein paar Köpfe in den Fenstern, die dann wieder verschwanden. Warum kommen meine Eltern nicht hoch und beschützen mich? Ich hatte solche Angst, fühlte mich hilflos und verwirrt. Die Schüsse, das Maschinengewehr – oder waren es mehrere? – sie waren höchstens ein paar Kilometer entfernt, vermutete ich. Obwohl man sich in der Nacht leicht täuschen kann. Ich glaubte Lichtblitze am Himmel zu sehen. War mir aber nicht sicher. Überhaupt fühlte ich mich nicht mehr sicher.

Ich würde nie hier wohnen bleiben, wenn ich mal Familie und Kinder habe. Die Nähe zur Grenze – das könnte ich ihnen nicht antun. Ewig eingeschränkt durch das Sperrgebiet, immer Militär in der Nähe und dann noch solche nächtlichen, Angst einflößenden Ereignisse! Und keiner sagt einem, was los ist!

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit für mich, dann war mit einem Mal alles wieder ruhig. Als ob nichts gewesen wäre. Es erschien mir unmöglich, mich vom Fenster weg zu bewegen. Ich wusste nicht, ob mich meine Beine getragen hätten. Erst jetzt merkte ich, dass sich meine Finger so fest um das Fensterbrett gekrallt hatten, dass es weh tat. Mein Herz schlug immer noch wie wild und ich glaubte das Blut in meinen Ohren rauschen zu hören. Was auch immer das war, es hatte mir den Schlaf für diese Nacht geraubt.

Am nächsten Tag erfuhr ich, dass es eine Übung war in einem Dorf in der Nähe, Friedenthal, Übungsgelände für die Zivilverteidigung der ehemaligen DDR und wer weiß, wer dort noch geübt hat, nachdem die Einwohner umgesiedelt wurden.

Für mich war diese Nacht ein traumatisches Erlebnis. Sie hat mir noch Jahre danach Albträume beschert.

Heute, am Tag der Deutschen Einheit, musste ich wieder daran denken. Wenn der Schützenverein Hildburghausen beim Umzug zum Theresienfest Böllerschüsse abgibt, dann habe ich längst keine Gänsehaut mehr, weil die Erinnerungen hoch kommen, höchstens Ohrenschmerzen von dem Krach der Schüsse.

 

Auszeit

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Heut war so ein richtig schöner Tag. Wie schade, dass ich erst so spät heim kam und von der Sonne nicht mehr wirklich viel hatte. Die Liege steht noch hinten im Garten, ich pflückte mir ein paar Trauben, machte es mir auf ihr gemütlich und träumte mich ans Meer. Ist das wirklich schon wieder vier Wochen her?

Genau wie im letzten Jahr hatte ich mir eine Woche Auszeit genommen und war an die Ostsee gefahren. Matratze und Schlafsack im Auto, Klamotten, was zu Essen und Trinken …

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Die Tage verbrachte ich am Strand. Das Wetter war perfekt. Ich hatte mir nichts vorgenommen, wollte nur in den Tag hinein leben, Sonne, Wasser, Luft und Freiheit genießen. Abschalten. In meinen Romanen versinken. Schlafen. Es ist schön, am Strand zu schlafen, wenn das Meer rauscht und ein leichter Wind weht.

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Manchmal schaute ich den Volleyballspielern zu, ihre Stimmen konnte ich aber nicht hören, dazu waren sie zu weit weg. Ich war ziemlich faul im Gegensatz zu ihnen und mein Bewegungsdrang hielt sich eher in Grenzen. Genau genommen beschränkte er sich auf ab und zu etwas Schwimmen, gelegentlich sehr gemütlich am Strand auf und ab laufen und bei Bedarf die Position auf meiner Badematte wechseln.

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Manchmal konnte ich mich aufraffen, ein paar Fotos zu machen von den Möwen, in der Ferne vorbeiziehenden Schiffen und am liebsten von den wunderschönen Sonnenuntergängen und Abendstimmungen am Meer. Die habe ich besonders genossen.

Der Strand war wunderbar ruhig. Wenn neue Strandbesucher dazu kamen, dann achteten sie auf Abstand zu den anderen, die schon da waren. Man grüßte sich, lernte sich gelegentlich kennen, wechselte ein paar freundliche Worte, hatte einen Blick auf die Sachen, wenn die anderen Baden waren und verabschiedete sich am Abend. Ich empfand die Atmosphäre entspannt und fast familiär. Manche Leute hatten sich einen Windschutz oder eine Strandmuschel aufgestellt. Ich hatte nur einen Regenschirm. Wenn die Sonne gar zu toll schien, dann war er mein Sonnendach. Ein ganzes Stück weiter vorne, am Textilstrand, gab es Strandkörbe. Um nichts in der Welt hätte ich tauschen mögen, denn dort waren sehr viele Menschen, es war laut und bunt und roch nach Sonnenschutz und nicht nach Meer.

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Erst wenn die Sonne schon längst unter gegangen war und die Dämmerung eingesetzt hatte, raffte ich meine sieben Sachen zusammen und genehmigte mir noch einen Radler in der Klause. Dann duschte ich und bis ich auf dem Parkplatz an meinem Auto ankam, war es meist schon 23.00 Uhr und alles rundherum stockfinster. Am ersten Abend leuchtete ich mir noch den Weg mit der Taschenlampe am Handy, am zweiten fand ich ihn im Dunkeln. Dann kroch ich in mein Auto und konnte dank der milden Temperaturen mit geöffneter Autotür schlafen.

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Die Woche verflog nur so. Ein paar Tage Urlaub habe ich noch in diesem Jahr. Die Matratze und der Schlafsack liegen immer noch im Auto. Wer weiß, vielleicht packt mich das Ostseefieber ja noch einmal …

Schlaflos in Seattle – äh, in Morsleben

Also „Schlaflos in Morsleben“ ohne Tom Hanks 😉

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Morsleben liegt nicht mal in der Nähe von Seattle. Im Grund genommen sehr weit weg davon und sehr wahrscheinlich gibt es auch nicht wirklich viel Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Orten. Dass es für mich eine (fast) schlaflose Nacht (natürlich ohne Tom Hanks) in diesem kleinen Dorf in der Börde werden würde, ahnte ich natürlich nicht, als ich mein Auto vor dem wunderschön hergerichteten Bauernhaus abstellte.

Das Zimmer gefiel mir. Ich brauchte es zwar nur für eine Nacht, hatte aber nichts gegen eine gewisse Wohlfühlatmosphäre einzuwenden. Gegenüber der Tür ließen zwei Fenster Richtung Innenhof viel Licht in den Raum. Links stand mein Bett, rechts ein Sofa, in der Mitte ein Tisch mit Stühlen, dahinter ein Sideboard mit TV – also ein ziemlich großzügiges Zimmer. Rechts neben der Tür war ein Teil des Raumes abgetrennt für Dusche und WC, neu und modern. Prima!

Viel Gepäck hatte ich nicht mit rein genommen, meinen kleinen Rucksack mit den Dingen, die ich auf Reisen immer mit mir rum schleppe sowie eine Tasche mit den Kleidungsstücken für morgen und mit meinem Waschzeug. Ich hatte mir vorgenommen, nicht all zu spät ins Bett zu gehen, denn für den nächsten Morgen hatte ich mich zu einer Besichtigung des Endlagers Morsleben angemeldet und schon für halb sieben das Frühstück bestellt.

Das nette Ehepaar, das die Pension betreibt, hat weiter hinten im Garten einen gemütlichen Bungalow, da saß ich dann noch eine ganze Weile auf ihre freundliche Einladung hin mit den beiden zusammen und wir unterhielten uns sehr angeregt. Zufällig stammte die Frau aus meiner Gegend und freute sich, mal wieder ihre Mundart zu hören.

Es war so gegen 22.30 Uhr, als ich dann endlich in meinem wirklich gemütlichen Bett lag. Der Wecker in meinem Handy war auf 6.10 Uhr gestellt, meine Sachen lagen bereit, ich konnte beruhigt einschlafen. Jetzt machte sich auch die lange Autofahrt bemerkbar, sie hatte mich doch ziemlich erschöpft und mir fielen schnell die Augen zu.

Um halb zwei wachte ich auf, weil ich glaubte, etwas gehört zu haben. Ich lauschte in die Dunkelheit und hörte – nichts. Scheinbar hatte ich geträumt. Immerhin war ich nicht mal sicher, was genau ich gehört hatte. Gerade als ich noch so ein bisschen darüber nachdachte und schon fast wieder am Wegdämmern war, ertönte ziemlich vernehmlich ein Piepton, laut und deutlich. Na also, doch nicht geträumt!

Plötzlich hellwach schaltete ich die Nachttischlampe an und guckte mich um. Was war das? Mein Handy? So ein Ton kam da bisher eigentlich noch nicht raus, aber man kann ja nie wissen … Am Handy war alles wie immer, stellte ich nach kurzer Besichtigung fest. Vorsichtshalber guckte ich nochmal nach der Weckzeit, auch perfekt! Ich saß im Bett und hoffte, dass es noch einmal piepsen würde, damit ich die Richtung des Tones lokalisieren und ihn ausschalten konnte. Es blieb ruhig. Keine Ahnung, wie lang ich da auf der Bettkante saß und lauschte. Zwischendurch kippte ich ein paar Mal leicht ab, als mich die Müdigkeit übermannte, fing mich aber dann gleich wieder, um angestrengt weiter zu horchen, aber nichts rührte sich mehr. Es war vorbei. Ich knipste die Nachttischlampe aus, kuschelte mich unter meine Decke und war froh, meine Ruhe zu haben.

Genau in diesem Moment piepste es wieder! Sofort sprang ich aus dem Bett, machte diesmal die Deckenbeleuchtung an und blieb mit dem Rücken zur Tür stehen, um das ganze Zimmer überblicken zu können. Wäre doch gelacht, wenn ich nicht dahinter käme, wo sich dieser Piepser versteckt hat. Systematisch suchte ich sehr gründlich Wände, Decke, Fußboden und sämtliche Möbelstücke nach dieser eigenartigen Geräuschquelle ab, konnte aber nichts Auffälliges feststellen. An der Decke hing nur die Lampe, an den Wänden war nichts Auffälliges und vom Boden her schien mir das Geräusch eh nicht her zu kommen. Dann schlich ich mit gespitzten Ohren um den Tisch herum. Und da piepste es wieder! Genau, das Piepsen kam eindeutig vom Tisch her! Meine ganze Aufmerksamkeit galt nun diesem Möbelstück. Ich fühlte ihn ab und kroch darunter, guckte mir die Tischplatte von unten an – fand erstmal nichts. Doch so schnell gebe ich nicht auf! Da lag ja so Einiges von mir herum.

Es half nur eins: auspacken, was ich bei mir hatte und möglicherweise Töne von sich geben könnte (oder auch nicht). Innerlich stöhnte ich kurz genervt auf, war dann aber voll motiviert und fest überzeugt, den Piepser nun zu finden.

Ich packte in meiner Verzweiflung einfach ALLES aus. Zum Glück war es ja nicht so viel, das Meiste hatte ich ja im Auto gelassen. Nach kurzer Zeit lagen auf der einen Seite des Tisches Fotoapparat, Ladegerät für Handy, mobiles Handyladegerät, Fön, elektrische Zahnbürste, Selfie stick, Feuerzeug, Ladegerät für Akkus vom Fotoapparat, sämtliche Akkus, Ersatz-Bluetooth-Auslöser, Fernbedienung vom Fernseher. Auf der anderen Seite: Geldbeutel, Fahrzeugpapiere, Autoschlüssel, Labello, noch ein Labello, Tempotaschentücher, Sonnenbrille, Lesebrille, mein Buch, Haargummi, Kaugummi, Schminktäschchen, Brillenputztuch, SD-Karte, Kuli, Notizblock, Haarreifen, Deoroller. Ich guckte auch ins Bad, aber da stand nur mein Waschzeug rum und nichts, was eventuell piepsen könnte, außer der Zahnbürste und die hatte ich schon zu Kontrollzwecken auf dem Tisch platziert.

Ich nahm mir jedes einzelne Teil genau vor, schüttelte meinen Rucksack und die Tasche noch mal aus, kontrollierte auch die Hosentaschen meiner Jeans. Meine Füße wurden kalt, weil ich barfuß rum lief. Da fiel mir ein, dass ich mich vielleicht doch verhört hatte und das Piepsen von draußen herein gekommen ist. Also schloss ich vorsorglich das Fenster, obwohl ich gar nicht gerne bei geschlossenem Fenster schlafe.

Es hatte nun schon eine ganze Weile nicht mehr gepiepst. Sehr komisch! Erst kurz hintereinander, dann eine Weile wieder nichts und man denkt, es ist vorbei …Ich war hundemüde und wollte doch nur eins: endlich weiter schlafen. Mit der Hoffnung auf wenigstens noch ein bisschen Nachtruhe legte ich mich wieder hin. Tatsächlich schlief ich ein. Kurz. Bis es wieder piepste.

Naja, egal, ich wollte sowieso aufstehen, um das Fenster wieder zu öffnen. Ratlos untersuchte ich auch noch das Fernsehgerät von allen Seiten und zog den Stecker heraus.  Als ich zum Bett zurückging, fiel mein Blick auf den Autoschlüssel. War das etwa die Nervensäge? Da muss ja irgendwas drin sein, sonst würde ja die Fernbedienung am Auto nicht funktionieren. Vielleicht eine Monozelle oder sowas. Keine Ahnung. Das muss ich unbedingt mal recherchieren … Sollte ich vielleicht vorsichtshalber mal nach meinem Auto gucken? Guter Gedanke. Ich schlich mich also barfuß im Shorty raus vor die Haustür, bediente zweimal die Fernbedienung: Türen auf, Türen zu – stellte fest, dass alles normal funktionierte und schaffte es grade so zurück ins Haus, bevor die Haustür ins Schloss fiel und mich ausgesperrt hätte. Na das hätte mir noch gefehlt! Den Zimmerschlüssel, der gleichzeitig zum Öffnen der Haustür diente, hatte ich nämlich vor lauter Schusseligkeit im Zimmer liegen gelassen.

Inzwischen wurde es draußen schon langsam hell. Ich war sowas von müde und überlegte, welche Optionen mir jetzt noch blieben. Das Ehepaar anrufen ging nicht, denn ich hatte nur die Nummer der Pension und das Telefon stand neben Haustür am Empfang, während sie vermutlich eine Etage über mir wohnten und selig schliefen. Eine Handynummer hatte ich nicht von ihnen. Ich zog kurzzeitig in Erwägung, im Frühstücksraum auf einem Stuhl weiter zu schlafen oder auf dem Billardtisch und musste über mich selbst lachen. Es waren auch noch andere Gäste im Haus, doch was würde das für einen Eindruck machen, wenn ich mitten in der Nacht um Asyl nachfragte? Also irgendwie kamen alle Möglichkeiten nicht in Frage. Da stand ich nun in meinem Zimmer und mir fiel nichts Besseres ein, als alle meine Sachen, die auf dem Tisch lagen, nebst Klamotten, dem Handy, der Fernbedienung für den Fernseher, dem leeren Rucksack, der Tasche, dem Autoschlüssel und den Turnschuhen ins Bad auf den Fußboden unter das Waschbecken zu legen, mit der Decke und ein paar Kissen vom Sofa zuzudecken und die Badtür zu schließen. Wenn sich der Piepser eventuell doch zischen meinen Sachen befand, dann würde ich ihn jetzt nur noch sehr gedämpft wahrnehmen oder gar nicht mehr. Haha, ich lass mich doch nicht von so einem Piepser unterkriegen! Wo kommen wir denn da hin? Mir reicht es nämlich jetzt, so! Verbannung ins Bad – da kann das Ding sich dumm und dämlich piepsen. Also vorsichtshalber guckte ich aber doch nochmal unter das Bett …

Mit einem Handtuch ausgerüstet, total fix und alle, mit immer noch kalten und inzwischen auch schmutzigen Füßen kroch ich, zu 50% entschlossen, zu 50% der Verzweiflung nahe, unter meine Decke. Das Handtuch legte ich mir über die Augen, um meinem Bewusstsein vorzuschwindeln, dass es noch dunkle Nacht sei (leider war es mittlerweile schon glockenhell draußen). Viel Zeit blieb mir nicht mehr. Zwei Piepser ertönten noch in kurzen Abständen hintereinander. Es klang fast schon ein bisschen hämisch oder bildete ich mir das nur ein? Ich hatte nur noch ein gequältes Seufzen übrig und konnte mich nicht entscheiden, ob ich lachen, weinen, verrückt werden oder es einfach ignorieren sollte. Ich wollte es mit dem Letzteren probieren, einfach ignorieren. Da auch das Nichthinhören auf die Dauer unheimlich anstrengend und ermüdend sein kann, wirkte es dementsprechend. Im Halbschlaf gingen mir ganz sonderbare Gedanken durch den Kopf: Psychoterror, Stasigefängnisse, Folter, versteckte Kameras, Strahlungen aus der Deponie, blutrünstige Insekten – ich lese eindeutig zu viele Romane oder meine Fantasie ging mit mir durch in Anbetracht der Lage!

Irgendwann bin ich tatsächlich eingeschlafen. So fest, dass ich nichts mehr gehört habe oder es kam tatsächlich kein Geräusch mehr, ich weiß es nicht. Jedenfalls hatte ich einen sehr realistischen Traum gehabt: es war früher Morgen. Eine fremde Frau und meine Nichte waren im Zimmer und ich erzählte ihnen gerade haargenau das, was ich in dieser Nacht durchgemacht hatte. Der einzige Unterschied bestand darin, dass im Traum die Tür vom Badezimmer an einer anderen Stelle war. Sonst war alles genau gleich. Die beiden glaubten mir nicht. Das regte mich auf. Mitten in meinem Bericht piepste es wieder, immerzu hintereinander. Es wollte gar nicht mehr aufhören. Davon wurde ich wach und stellte fest, dass es nicht im Traum piepste, sondern in Wirklichkeit – ach so, der Wecker von meinem Handy. Was denn, schon aufstehen? Und wieso liegt ein Handtuch auf dem Kopfkissen? Also ich mag nicht gerne mitten im Traum geweckt werden, schon gar nicht wenn er so realistisch ist. Andererseits hatte ich was vor und musste raus, in zwanzig Minuten hatte ich mein Frühstück bestellt. Ich musste kurz darüber nachdenken, was man doch für einen Schwachsinn träumen kann. Irgendwie fühlte ich mich noch total müde. Ich wollte den Weckton abschalten, fand aber das Handy gar nicht. Nanu? Ich hatte es doch gestern Abend neben das Bett gelegt? Der Weckton kam irgendwie so gedämpft bei mir an. Hatte ich das Handy etwa im Bad liegen gelassen? Ich tappte verschlafen und gähnend ins Bad.

Da traf mich fast der Schlag. Unter dem Waschbecken – die Sofadecke und die Kissen, darunter mein ganzer Krimskrams, dazwischen irgendwo mein Handy. Mir wurde heiß und kalt, weil ich Traum und Realität kaum noch auseinanderhalten konnte. Ist das die Grenze zum Durchdrehen? Gerade als mir bewusst wurde, dass mein Traum die fiktive Fortsetzung der Realität gewesen ist und ich darüber nachgrübelte, wie sowas denn möglich sein kann, piepste es wieder. In Wirklichkeit! Und nicht aus meinem Handy. In einem Comic hätte der Zeichner seiner Figur wohl an dieser Stelle die Haare zu Berge stehen lassen.

Bei Tageslicht wirkte der Ton längst nicht mehr so extrem schrill wie nachts und tatsächlich entdeckte ich endlich das Corpus Delicti an der Decke genau über der Tür. Ein Rauchmelder! Oh Mann! Kein Wunder, dass ich ihn in der Nacht nicht sehen konnte, denn da hatte ich das Teil ja hinter mir, als ich mit dem Rücken zur Tür das Zimmer inspizierte. Gehört so ein Teil nicht in die Mitte des Raumes? Naja, das war mir ja nun auch egal, die Nacht war rum. Vermutlich waren die Batterien darin leer, ich würde es nachher den Leuten sagen und sie würden sich darum kümmern.

Irgendwie war ich echt beruhigt, dass es nur der Rauchmelder war und dass ich nun erleichtert und belustigt darüber lachen konnte. Die nächste Nacht würde ich bestimmt ganz früh ins Bett gehen und den verpassten Schlaf nachholen … oder die übernächste Nacht. Eine ganze Woche Urlaub zum Ausschlafen lag ja noch vor mir.

Nie wieder Krieg

Den ganzen Tag kreisten meine Gedanken heute um das  Wort „Krieg“.

Der Bundestag hat mit großer Mehrheit dem Bundeswehreinsatz in Syrien zugestimmt. Ich war nicht sonderlich überrascht vom Ergebnis der Abstimmung, dennoch beunruhigt es mich. Sehr sogar.

Wie es wohl heute den Frauen geht, deren Söhne, Ehemänner oder Partner in der Bundeswehr dienen? Diese Gedanken sind nicht neu für mich. Sie beschäftigen mich immer, wenn es irgendwo auf der Welt, insbesondere in Europa, kriselt, zum Beispiel Ende der 90er, als sich der Konflikt im Kosovo zuspitzte oder kurze Zeit später in Afghanistan nach dem Anschlag auf die Twin Towers in New York.

Mir fielen heute Episoden aus Büchern ein, die ich gelesen habe, aus Filmen, die ich gesehen habe. Die meisten davon handelten im 2. Weltkrieg. Natürlich wird heutzutage mit viel besseren Waffen gekämpft, zielgerichteter zerstört und Leben vernichtet. Doch eins wird gleich bleiben: unschuldige Menschen verlieren ihr Leben, so wie es in den Kriegsgebieten jetzt schon fürchterlicher Alltag ist.

In irgend einem Geschichtsbuch aus der Schule war die Lithographie von Käthe Kollwitz „Nie wieder Krieg“ abgebildet. Sie stammt aus dem Jahr 1924, hängt heute im Deutschen Historischen Museum in Berlin (hätte ich ohne Dr. Google nicht gewusst) und ich glaube, wir haben damals auch im Kunstunterricht darüber gesprochen. Ich fand die Gestalt mit dem mahnend erhobenen Arm als Kind Angst einflößend. Leider nutzen oft die besten Plakate nichts …

Ich musste heute auch an ein paar Schilderungen aus Krieg und Gefangenschaft von meinem Opa denken. Viel hat er ja nicht erzählt. Manches habe ich leider auch schon wieder vergessen. Fragen kann ich ihn nicht mehr. In einer Schachtel bewahrt meine Mutter alte Fotos und Erinnerungen auf. Sie selbst war ein Kind, als ihr Vater im Krieg war. Dieses Foto entstand Anfang 1940.

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Er kehrte erst spät aus der Gefangenschaft zurück, ein sogenannter „Spätheimkehrer“ war er. Natürlich wäre er lieber früher heimgekehrt, aber ich glaube, Opa war froh, dass er diesen Krieg und die Gefangenschaft überhaupt überlebt hatte.

Auch sein Bruder Walter war im Krieg und ist in Gefangenschaft geraten. Eine Karte aus dem Gefangenenlager an seinen Vater und die Familie war damals nicht nur ein Lebenszeichen sondern auch Hoffnung auf ein Wiedersehen.

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Walter überlebte die Gefangenschaft und kehrte zurück.

Werden auch alle Bundeswehrsoldaten nach ihrem Einsatz, wenn es tatsächlich soweit kommt, wieder gesund zu ihren Familien zurückkommen? Ich wünsche es allen von ganzem Herzen!

Stell dir vor, es wäre Krieg

Wir schreiben das Jahr 2021. In Deutschland ist seit zwei Jahren Krieg.

Es wird geschossen, geplündert, gemordet, Menschen verschwinden spurlos, Häuser werden nieder gebrannt, es kommt zu Massakern und Anschlägen. Nicht mal Schulen, Krankenhäuser und andere soziale Einrichtungen bleiben verschont. Keiner ist sich seines Lebens mehr sicher. Betriebe werden systematisch zerstört, eine kontinuierliche Produktion ist nicht mehr möglich, dadurch fehlt es an Allem. Die Mütter haben Angst um ihre Kinder, Familien werden auseinander gerissen, Männer müssen in den Krieg, ob sie wollen oder nicht. Ein normales Leben ist nicht mehr möglich. Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln wird zunehmend schwieriger, in den Städten ist die Lage auf Grund der Bevölkerungsdichte bedrohlich. Immer mehr Menschen werden obdachlos, ihre Häuser wurden im Kampf zerschossen und zerbombt. Die Kinder sind total verstört und ängstlich, wachen in der Nacht schreiend auf, wenn in der Ferne Schüsse fallen. Wir haben alle Angst. ANGST!

Aus unserem Bekanntenkreis sind die ersten Menschen umgekommen. Was können wir tun, um zu überleben?Einfach hier weg gehen? Unsere Kinder sind noch klein, wir haben Verantwortung, müssen sie beschützen, für sie sorgen. Ich will nicht, dass mein Mann kämpfen muss und vielleicht sein Leben verliert. Wir wollen als Familie zusammen bleiben. Doch da ist unser Haus und alles, was wir uns in den ganzen Jahren geschaffen haben. Das können wir nicht so einfach aufgeben. Was wird aus unseren Eltern, wenn wir gehen? Ich bin verzweifelt, ratlos, hin und her gerissen.

Wir könnten in ein anderes Land fliehen, wo Frieden ist, wo wir sicher wären, bis dieser furchtbare Krieg ein Ende hat. Andere Menschen aus unserer Stadt sind schon lange weg, weil sie kein zuhause mehr haben und ihr Leben retten wollten. Wir hatten bisher immer noch Hoffnung, dass der Krieg endet. Doch die Hoffnung schwindet, von Tag zu Tag ist weniger davon übrig. Es wird uns nichts Anderes übrig bleiben, wir müssen hier alles aufgeben und zurück lassen, was uns wichtig ist – unsere Heimat verlassen, liebe Familienangehörige, die zu alt sind für die Strapazen einer Flucht und die wir vielleicht nie wieder sehen werden – das ist der schlimmste Gedanke.

Viele Fragen drängen sich mir auf: Reicht unser erspartes Geld für eine Flucht? Wohin sollen wir gehen? Wer hilft uns dabei, denn alle Grenzen sind dicht und eigentlich will kein Nachbarland mehr neue Flüchtlinge aufnehmen? Werden wir es irgendwie schaffen mit den Kindern durch zu kommen? Wie gefährlich wird es sein? Riskieren wir vielleicht sogar unser Leben dabei? Wie lange werden wir unterwegs sein in ein Land, dass uns aufnimmt? Was nehmen wir mit? Wie wird man uns aufnehmen in dem fremden Land? Wird man Verständnis für unsere Situation haben? Wird man uns tolerieren? Wovon werden wir leben? Bekommen wir die Chance, für unseren Unterhalt selbst zu sorgen, indem wir arbeiten und etwas Geld verdienen? Können wir uns gut anpassen und kommen wir mit der Sprache und den fremden Gepflogenheiten zurecht? Werden unsere Kinder Freunde finden? Können wir mit unseren zurückgebliebenen Angehörigen Kontakt halten? Wann wird der Krieg vorbei sein und wir können endlich wieder in unsere Heimat und zu unseren Angehörigen zurückkehren?  

Meine Familie und ich – wir wären dann Flüchtlinge. Es ist erst ein paar Jahre her und ich kann mich gut erinnern wie 2015 und 2016 viele Flüchtlinge aus Kriegsgebieten oder den Balkanstaaten in unser Land und andere Staaten Europas gekommen sind und um Asyl gebeten haben. Unsere Regierung, die Europäische Union und die Bevölkerung wurden auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Es gab viel Solidarität und Empathie. Es gab Ablehnung und Fremdenhass. 

Wie gehe ich damit um, wenn meine Familie Feindlichkeiten ausgesetzt wird oder wenn ihr Gewalt widerfährt, wenn man uns demütigt oder beschimpft? Was ist das größere Übel? Im eigenen Land zu bleiben und in ständiger Angst vor Krieg und Terror zu leben oder in einem fremden Land um Hilfe zu bitten und sich unerwünscht zu fühlen? 

Ich wünschte, dieser Krieg wäre nie gekommen. Dann müsste ich mir nicht solche Gedanken machen, wir könnten unseren Kindern ein glückliches, unbeschwertes Leben bieten, hätten unser Auskommen, würden uns an den Schönheiten unserer Heimat erfreuen – jeden Tag aufs Neue und ganz bewusst. 

Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurück drehen in das Jahr 2015, als in unserem Land noch Frieden war. Ich wünschte, unsere Regierung hätte von Anfang an anders gehandelt und klare Zahlen genannt, was unser Land leisten kann und wo wir an unsere finanziellen Grenzen stoßen. Ich hätte vermutlich auch nicht mehr tun können, ich wäre vielleicht auch sauer gewesen, wenn Flüchtlinge unverschämte Forderungen gestellt hätten und die Regierung einfach nicht reagiert hätte, aber ich würde weniger schweigen zu den Kommentaren mancher Menschen, die überhaupt kein Mitgefühl aufbringen können.

Das Wichtigste jedoch wäre gewesen:

Wir würden leben. IN FRIEDEN LEBEN.

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Ziemlich heiße Fotos

Es war eher spontan, dass wir an diesem 25. Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands nach Mödlareuth gefahren sind. Für mich war es in diesem Jahr der zweite Besuch dort. Als ich im Juni im Rahmen eines Seminars dort war, den Film im Museum gesehen und danach die Führung mitgemacht hatte, spürte ich ein beklemmendes Gefühl, fast wie fremdschämen oder so. Die anderen Seminarteilnehmer waren allesamt aus den „alten“ Bundesländern, ich der einzige „Ossi“. Klar ist inzwischen alles Geschichte, was damals war, vergessen ist es jedoch nicht.

Als mein Mann und ich ankamen, war ich erst einmal baff: ich hatte mit vielen Leuten gerechnet. Aber nicht damit, dass dieses Ereignis wie ein Volksfest mit großem Zelt, Blasmusik usw. gefeiert wird. Ganz schön Stimmung war da! Die vielen Menschen, die Musik – so richtig in sich gehen war da nicht. Dieses Gefühl, dass mich im Juni beschlichen hatte, stellte sich nicht wieder ein.

Nach Museum, den Ausstellungen und Rundgang setzten wir uns in ein Zelt etwas abseits vom großen Trubel und beobachteten das Treiben. Ich musste an den Film „Tannbach“ denken. Und ich musste an all die Menschen in meinem Leben denken, die ich nie kennen gelernt hätte, wenn es diese Grenze noch gäbe. Das stimmte mich erst nachdenklich und dann sehr froh. Ja, diesmal hatte ich Leichtigkeit und ein Freiheitsgefühl in mir. Nun wollte ich noch die Politprominenz sehen – wenn ich schon mal hier bin. Also machten wir uns auf Richtung großes Festzelt.

Die Kapelle spielte gerade „Kennst du die Perle, die Perle Tirols …“ Klar kenne ich die. War schon mal in Kufstein. Also sang und jodelte ich in meinem gerade gewonnen Gefühl von Leichtigkeit und Freiheit auf dem Weg zum Zelt laut mit (das Jodeln hört sich bei mir aber eher kläglich an – so eine Art Jammerjodel oder so – egal, kanns halt nicht wirklich), was meinen Mann veranlasste, etwas Abstand von mir zu nehmen (nein, nein, die gehört nicht zu mir – grins).

Es schien gerade der richtige Augenblick gewesen zu sein, denn gerade, als wir auf den Eingang des Zeltes zu gingen, kamen uns von der anderen Seite her, von Polizei flankiert und voran ein Kameramann, die Herren Söder und Friedrich mit ein paar anderen Herrschaften entgegen. Weil ich sie mal von ganz nah sehen wollte, schloss ich mich kurzerhand dem Tross an, als ob ich dazu gehörte. Also einen Anzug hatte ich nicht an, Jeanshose unten, Jeanshemd oben, aber meine Kamera, die ich demonstrativ etwas höher vor mir hielt, ließ vermutlich den einen oder anderen Besucher glauben, dass ich von der Presse wäre – grins.

Am Eingang des Zeltes hörte ich gerade den Moderator drinnen am Mikrofon sagen, dass sich doch die Leute zum Empfang des Bayrischen Staatsministers Markus Söder und des stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Hans-Peter Friedrich erheben mögen. Die Blaskapelle spielte einen Marsch und der Einzug ins Zelt erfolgt durch eine sich bildende Gasse Beifall klatschender Menschen. Da ich so dicht hinter den Herren stand, blieb mir gar nichts weiter übrig, als hinterher mitten durch die applaudierende Menschenmenge Richtung Bühne zu marschieren, denn gleich hinter mir schloss sich die Gasse wieder. Also nickte ich den Menschen links und rechts fröhlich zu, tat so, als ob ich zur Prominenz gehörte (ist das Anmaßung?) hielt meine Kamera noch ein My höher (wollte ich mich etwa dahinter verstecken?) Du liebe Zeit, dabei wollte ich doch nur ein paar Fotos machen!

Vorne angekommen wurden die Herren an eine Biertischgarnitur begleitet. Nun stand ich ganz vorne an dem blau-weißen Absperrseil, machte meine Fotos, hörte noch ein bisschen dem ersten Redner zu und wollte wieder zurück. Ging aber nicht – alles dicht. Die anderen Menschen wollten auch die Politiker sehen und vielleicht deren Reden noch anhören. Das wollte ich nicht, mir wurde nämlich auf einmal so heiß in dem Gedränge – ich spürte geradezu das Wachsen der kleinen Schweißperlen auf Stirn und zwischen Nase und Oberlippe  – weshalb ich mich nach dem kürzesten Ausgang umschaute und schon in Erwägung zog, neben der Bühne unten durch das Zelt kriechen. Immer noch besser, als sich durch diese Massen durch zu kämpfen oder mangels Sauerstoff oder wegen Überhitzung tot umzufallen – na gut, ich übertreibe – eine Herzkasper zu kriegen. Eine Frau neben mir wollte scheinbar auch raus und guckte sich um. Die Rettung kam in Form eines Kameramanns hoch lebe der Bayrische Rundfunk! Er wurde durch die blau-weiße Absperrung gelassen, die andere Frau und ich schlossen sich ihm erleichtert an. Dadurch gelang es mir, schweißgebadet aber erleichtert wieder zum Ausgang zu kommen. Luft – phhhhhu, das tat gut! Noch ein letztes Foto von hinten in Richtung Bühne und dann nichts wie raus aus dem Brutkasten.

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So war also das Fotografieren von Söder und Friedrich eine ganz heiße Angelegenheit – das muss ich schon sagen.

Mein Mann fragte mich draußen, warum ich die beiden denn unbedingt sehen und fotografieren musste, schließlich kann ich mir doch auch Fotos im Internet angucken und so. Da fiel mir ehrlich gesagt keine Antwort ein. Ich wusste es auch nicht. Mir war eben einfach danach. Und wenn mir wonach ist, dann mache ich es halt – auch wenn ich dabei unter Umständen heiden ins Schwitzten kommen kann. Punkt.