KRIMI total „Der Hanf des Verderbens“

Eigentlich hatte ich einen schlechten Tag und der Tag davor war auch schlecht. Ich wollte mich schon abmelden, doch damit wäre unser geplantes Krimi-Dinner ins Wasser gefallen. Schwierig, so kurzfristig einen Ersatz zu finden. Also raffte ich mich mühsam auf und versuchte mich in meine Rolle hinein zu denken. Das Thema: Hippiekommune, Ende der 60er Jahre. Ich: „Adelheid, 32, der lebende Beweis, dass Sex, Drugs and Rock`n Roll der Schönheit förderlich sind“. Haha, bei dieser miesen Stimmung! In meiner Rollenbeschreibung stand, dass ich nicht auf den typischen Hippieschlabberlook stehe, sondern sexy Klamotten im floralen Design trage. Hm, eine Herausforderung! Während ich Sauerkrautbrötchen und Zupfbrot zubereitete (jeder sollte was mitbringen), wühlte ich gedanklich schon mal meine Garderobe durch, etwas später praktisch. Es dauerte nicht lang und im ganzen Zimmer verstreut lagen irgendwelche Klamotten rum. Die Auswahl an Sachen im floralen Design + sexy war nicht wirklich ergiebig und in Unterwäsche konnte ich ja nun weißgott nicht zur Krimiparty aufkreuzen. Schließlich entschied ich mich für ein Kleid, dass zumindest annähernd in die Richtung „floral“ ging und mir gerade noch so passte. Den Saum raffte ich über dem Knie etwas nach oben – fertig. Auf der Wiese hinter dem Garten hatte ich Blumen für meine Haare gepflückt und mit ganz viel Schminke im Gesicht identifizierte ich mich so langsam mit meiner Rolle  – Adelheid guckte mir aus dem Spiegel entgegen.

Adelheid aus der Hippiekommune

Es war ein wunderschöner Abend! Unsere lockere, bunt zusammengewürfelte Gruppe hatte ein gemütliches Plätzchen unter einem alten Baum im Hof des Schlosses von Weitersroda gefunden und nach ein paar Spielrunden den Mordfall, der auf der Insel der Hippiekommune passiert war, gelöst. Es war lustig und wir waren alle echt gut drauf. Meine schlechte Laune war wie weggeblasen und wir verabschiedeten uns in Vorfreude auf den nächsten „Kriminalfall“.

Die anstrengende Arbeitswoche verlangte so allmählich ihren Tribut. Ich war müde und wollte nur noch heim in mein Bett und schlafen. Chris und Grit fuhren vor mir im Auto und ich musste schmunzeln, wenn ich an so manche lustige Situation des Abends dachte, an die coolen Outfit´s der Anderen, die Kommentare …  Nur jetzt nicht einschlafen beim Fahren, ein paar Minuten durchhalten noch, dann …

Plötzlich sah ich dieses Licht vor mir, dass sich auf und ab bewegte. Also ich hatte definitiv keinen Alkohol intus! Die Rücklichter des Autos von Chris waren plötzlich verschwunden. Es liefen Menschen auf der Straße herum. Was machen die da mitten in der Nacht? Oh, Polizei! Auch das noch! Ich musste anhalten und ließ auf das Handzeichen eines Polizeibeamten hin meine Scheibe herrunter.

„Guten Abend, Fahrscheinkontrolle. Ihre Fahrzeugpapiere mal bitte.“

„Och, nö, oder? Warum denn? Hab ich was falsch gemacht?“

„Geben Sie mir einfach nur ihre Fahrzeugpapiere.“

Umständlich kramte ich diese aus meiner bodenlos scheinenden Handtasche heraus und gab sie (leicht genervt) an den Beamten weiter. Haben die denn um diese Zeit nichts Besseres zu tun, ich war doch so müde und wollte einfach nur schnell heim. Neben dem Polizisten stand noch einer. Waren da nicht vorhin drei Polizisten? Wohin ist denn der Dritte plötzlich verschwunden? Wissen die etwa schon, was passiert war? Ich kam gar nicht dazu, mir darüber weiter den Kopf zu zerbrechen, als ich bemerkte, wie der erste Polizist meine Papiere an den anderen weiter gab. Vielleicht hatte er seine Brille nicht dabei oder ihm gefiel mein Passbild nicht … Er musterte mich interessiert und hatte scheinbar vor, sich noch ein bisschen mit mir zu unterhalten. Seufz! Sieht er denn nicht, dass ich müde bin? Doch ich musste ihm antworten, es fiel mir spontan keine Alternative ein.

„Was haben sie denn heut Abend getrunken?“

„Ach, alles Mögliche, bunt durcheinander. Aber keinen Alkohol, falls Sie das meinen. Unsere Kommune hat dem Alkohol total abgeschworen, müssen Sie wissen.“

„Kommune?“

„Na, ich komme doch drüben von der Insel. Wir leben dort schon seit über drei Jahren in einer Kommune zusammen. Jetzt sagen Sie bloß, Sie wissen das nicht? Ist doch schließlich Ihr Revier hier, oder?“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Hier gibt es keine Insel. Geht es Ihnen gut?“

„Na klar geht’s mir gut. Bis eben zumindest war ich richtig gut drauf. Okay,  im Moment könnte es besser sein. Also eigentlich geht’s mir NICHT wirklich gut. Ich bin hundemüde und will heim ins Bett. Ich hatte die letzten Nächte nur wenig Schlaf. Der Abend heute war auch lang, Mitternacht ist schon vorbei, mir wird langsam kalt und dann dieser Mord … Die ganze Hanfernte wurde uns auch noch geklaut. Außerdem wollte José nicht mit mir nach Ibiza fliehen, der Scheißkerl …“ (Ach, guck an, da war ja plötzlich auch der dritte Polizist wieder und guckte mich genauso irritiert an, wie die beiden anderen. Haben die was? Gefallen ihnen meine Blumen im Haar nicht oder ist es wegen der vielen Schminke, die ich nicht wirklich professionell aufgetragen habe (wäre nur Johanna da gewesen, die kann so schön schminken …).  Ich vermutete, die sind total übermüdet, überarbeitet oder sie langweilen sich und wollen mir ein Gespräch aufdrängen. Mehr Möglichkeiten fielen mir gerade nicht ein. Am besten ich sage alles, was ich weiß, dann lassen sie mich ziehen, dachte ich. Immerhin war ich unschuldig.

„Wo ist denn jemand gewaltsam zu Tode gekommen?“

„Hab ich das etwa behauptet? Ach ja, hab ich. Also gut: Die Proble-Muschi hat´s erwischt. Ähhhm, die Problem-Uschi natürlich. Aber ehrlich gesagt, es stört mich nicht. Die alte Schlampe hat sich an meinen Knackarsch-Josè ran gemacht, mit dem ich abhauen wollte. Das ist die gerechte Strafe des Mondgottes Chandra, das sage ich Ihnen!“

„Steigen Sie doch bitte mal aus dem Wagen. Wir machen jetzt eine Alkoholkontrolle und …“

„Nein, ich steig nicht aus. Dazu sehe ich beim besten Willen keine Veranlassung! Ich bin müde, meine Beine sind kalt und ich habe definitiv keinen Alkohol getrunken. Glauben Sie mir doch einfach! Nach Blasen ist mir auch nicht und auf ein weiteres Gespräch mit Ihnen hab ich erst recht keine Lust. Mit dem Mord an Muschi, äh, Uschi hab ich nichts zu tun. Fahrt doch rüber in den Schlosshof. Sie liegt auf dem Komposthaufen, ihr Arm ist ganz grün und hängt über den Rand hinaus.“

„Haben Sie Drogen zu sich genommen?“

„Ha, schön wär`s. Brauchen Sie etwa auch was? Da haben sie leider Pech! Die ganze Hanfernte ist weg. Kein Gras übrig. So ein Jammer! Ich steh ja selbst auf dem Schlauch, verdammt noch mal. Was soll ich da noch auf der Insel, ich will da weg und Sie hindern mich daran! Kümmern Sie sich doch um andere Angelegenheiten! Oder reden Sie mal mit Hanf-Dieter, ja, genau, das sollten Sie tun! Oh, Chandra, Mondgott, ich flehe dich an und opfere dir gerne meinen nächsten Joint, wenn die die drei jetzt endlich mit der blöden Fragerei aufhören und mich heimfahren lassen!“

„Wer hat denn Uschi angeblich umgebracht?“

„Ich weiß, wer es war. Wir haben es ja raus gekriegt! Oder was glauben Sie, haben wir den ganzen Abend lang gemacht? Allerdings hab ich vergessen, wer der Mörder war, unwichtig für mich. Muschi hat´s nicht besser verdient. Aber das mit dem Hanf ist echt Mist ☹ Ein Jahr Arbeit für die Katz! Ich muss jetzt aber wirklich heim, geben Sie mir bitte wieder meine Papiere!“

„Wir fahren jetzt erst einmal gemeinsam auf die Polizeiinspektion Hildburghausen, nehmen Ihre Personalien für das Protokoll auf und überprüfen Ihre Behauptungen. Außerdem scheinen Sie sehr verwirrt zu sein und brauchen dringend ärztliche Hilfe.“

„Ich bin nicht verwirrt, ich bin nur müde. Verstehen Sie, MÜDE! Hilfe brauch ich auch nicht, außer, wenn Sie mir einen Flug nach Ibiza spendieren. Wozu hab ich heimlich Spanisch gelernt, verdammt noch mal! Obwohl, nach Australien würde ich noch viel lieber fliegen, Hauptsache weit weg. Ich frag mal Dreamcatcher, ob er noch eine Reisebegleitung braucht. Und überhaupt: ich bin unschuldig. Hallo, was soll das? Also ich darf doch bitten! Nehmen Sie Ihre Hände weg! NEIN! Loslassen! Drei gegen eine, wo gibt`s denn sowas? Das ist unfair! Handschellen? Sie übertreiben, das ist Freiheitsberaubung! Chandra, CHANDRAAAA. wo bist du, wenn man dich braucht, du alter, verkiffter Penner? Hilf mir! Lassen Sie mich sofort los! HILFE! …“

Ich erwachte von meinem eigenen Schrei. In meinem eigenen Bett. Draußen dämmerte es bereits und ich hatte immer noch die Sachen von gestern an – grins. Krimi-Dinner-Party 😉

Wozu brauch ich auf Mauritius einen Loop?

SONY DSC

Draußen nieselt es trostlos vor sich hin. Trotzdem stehe ich, ausgerüstet mit wetterfester Kleidung und meinen Nordic-Walking-Stöcken,  pünktlich am Ausgang der Reha-Klinik. Der MP3-Player steckt unter der Schirmmütze – er soll ja schließlich nicht nass werden bei dem Sauwetter. Außerdem ist mir die Tage eh der Clip zum Anstecken abgebrochen. Die Kopfhörer habe ich mir bereits in die Ohren gestöpselt. Beschallung mit AC/DC ist startklar – ich sehe mich gedanklich schon am 8. Mai auf dem Zeppelinsfeld in Nürnberg bei ihrem Konzert – freu!  Wie gut, dass mir der liebe Weihnachtsmann eine Karte dafür gebracht hat.

Nach und nach trudeln die anderen Patienten ein, die heute auch um 14.00 Uhr Walking auf ihrem „Stundenplan“ stehen haben. Die Therapeutin teilt uns mit, dass wir heute wegen des Wetters eine kürzere Strecke laufen werden, also nur ca. 40 Minuten unterwegs sind. Sie erklärt uns kurz den Weg und überlässt dann jedem das Tempo – find ich gut. Ich schätze, dass ich mit meinen langen Beinen vermutlich nur 30 Minuten brauchen werde. Aber egal, ich hab jetzt richtig Lust auf frische Luft, flotte Bewegung und „Rock or Bust“. Na dann woll`n wir mal …

Es geht bergab bis zur Baumschule, ein Stück entlang der Straße, „Play Ball“, vorbei an der Tankstelle. Dann glaube ich, das Wasser schon riechen zu können. Ein schwarzer Porsche kommt von links. Ich bleibe stehen – er hat schließlich die stärkeren Argumente als ich Fußgänger. Ein nicht mehr ganz taufrischer Herr mit graumelierten Haaren sitzt hinter dem Steuer. Er gibt mir gnädig ein Handzeichen, damit ich zuerst vorbei laufen darf, bevor er sein Grundstück mit der Villa darauf verlässt. Ich nicke ihm lächelnd unter der Schirmmütze hervor zu – das ist ja mal ein netter Geldsack, denke ich mir dabei 😉 „Rock the Blues Away“

Beim Laufen gucke ich mir gerne die Häuser und Grundstücke an. In manchen Fenstern hängt immer noch die Weihnachtsdeko. In vielen Gärten sehe ich Boote. Es muss schön sein, so dicht am Wasser zu wohnen, möchte aber nicht wissen, was hier die Grundstücke kosten. Das eine Haus erinnert mich irgendwie an die Villa Kunterbunt. „Miss Adventure“  Das Grundstück ist nicht sehr groß, wirkt total überladen, vielleicht etwas verspielt, Gesamteindruck irgendwie ungepflegt. Dabei hat es so eine schöne Lage. Naja, wenn die Leute es so mögen. Das Haus daneben ist noch nicht ganz fertig. Es ist das Gegenteil von seinem Nachbarhaus, klare Formen, große bodentiefe Fenster. Die ganze Vorderseite ist verglast. Es wirkt großzügig, offen und strukturiert – ich kann mir gut vorstellen, wie ich es mir einrichten würde, wenn es mein Haus wäre …           „Dogs of War“

Ich laufe nun direkt auf der Promenade am Ufer entlang. Der Wind kommt mir entgegen und treibt mir den Nieselregen ins Gesicht. Ich empfinde es als angenehm, denn ich bin erhitzt vom zügigen Laufen. Da ist ja schon der Campingplatz. Die Wohnwagen und Boote der Dauercamper stehen einsam da, es ist keine Menschenseele zu sehen. Erst am Wochenende zieht hier wieder Leben ein. „Got Some Rock & Roll Thunder“

Weiter vorne sehe ich den Yachthafen und die Segelschule. Ich erinnere mich an einen Segelausflug auf dem Scharmützelsee, J1 war damals vielleicht drei oder 4 Jahre alt. Ich glaube, unser Urlaubsort hieß Wendisch-Rietz und es war sehr schön. Wir wohnten in Bungalows direkt am See und hatten herrliches Wetter. „Hard Times“ – lach, nein, es waren schöne Zeiten 😉

Die Wettertafel zeigt eine Lufttemperatur von 3,7 Grad Celsius und 100 % Luftfeuchtigkeit an. Mir kommt es milder vor. Wahrscheinlich weil ich mich recht flott bewege. Neben dem Weg oder dort, wo am Wochenende nicht geräumt wurde, liegen noch armselige Schneereste. Der Winter ist in diesem Jahr eher faul. Frau Holle scheint entweder in den Winterschlaf gefallen zu sein oder sie kann an die Goldmarie den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn nicht zahlen. Hm, was für ein Dilemma! „Baptism by Fire“

Wo sind die anderen eigentlich? Zwei sind vor mir, der Rest unserer Gruppe irgendwo hinter mir, ich kann sie nicht sehen. Die letzten Meter am Wasser – dann führt mich der Weg bergan Richtung Straße. „Rock the House“

Das letzte Stück ist anstrengend, ich gehe etwas langsamer, damit mein Puls im grünen Bereich bleibt. Bei „Sweet Candy“ lege ich die paar Meter bis zur Klinik zurück und höre die letzten Takte von „Emission Control“, als meine Zimmertür ins Schloss fällt. Super! Das ganze Album bis zum letzten Ton gehört – das hat doch was!

Boah, meine Klamotten sind feucht und ich bin k.o. Die Erkältung von letzter Woche steckt doch noch ein bisschen in mir. Ich ziehe Jacke, Mütze und Schuhe aus, trinke ein Glas Wasser und sinke erschöpft auf mein Bett, nur kurz, dann will ich duschen und zu diesem Vortrag gehen, der auf meinem Stundenplan steht, nur ganz kurz ausruhen … zwei Minuten oder so …

… Ich liege entspannt da. Es ist wunderbar warm. Die Sonne scheint. Leise Musik und Vogelgezwitscher umgeben mich. Die Palmen vor der Terrasse wiegen sich im leichten Wind, der vom Meer herüber weht. Aus unserer Villa kommt Boy mit einem Tablett in der Hand. Ah, mein Drink! Ich räkle mich lasziv auf meiner Liege und schiebe die Sonnenbrille nach oben. Was für einen geilen Knackarsch er doch hat, denk ich mir und verfolge jede seiner Bewegungen. Er scheint meine Gedanken lesen zu können und lächelt süffisant, während er mir den Drink serviert. Ich weiß, dass er auf afrikanische Schönheiten wie mich steht. Er weiß, dass ich voll auf ihn abfahre, seine helle Haut, die blonden, schulterlangen Haare, sein markantes Kinn … Boy stammt aus Deutschland, er lebt und arbeitet nun schon seit 15 Jahren hier bei uns auf Mauritius. Da sich mein vielbeschäftigter Ehemann heute wieder den ganzen Tag und die halbe Nacht im Club sowie auf unserer Yacht aufhalten wird und „Geschäfte“ erledigen muss, wird ihn Boy, der eigentlich Andreas heißt, wie jeden Tag hier vertreten und all seine Pflichten übernehmen … ALLE! Hach, was für ein herrliches Leben! Ich brauche nur nach ihm zu läuten …

Oh, Mist, Telefon klingelt. Ausgerechnet jetzt, wo es spannend wird – menno! „Kommst du dann mit ins Dorf? Wir wollten nochmal in den Laden mit der Wolle.“ schallt es durch die Muschel. Wolle? Was war da doch gleich? Wir wollten uns einen Loop stricken. Ähm, ach ja stimmt. Aber ich hab heut echt keine Lust drauf, nochmal raus zu gehen, einmal Regen langt mir am Tag. Also sage ich ab. Muss eh duschen und zu dem Vortrag.

Außerdem – wozu brauche ich auf Mauritius einen Loop??? 😉