Für alle Fälle ausgerüstet

Eine Woche Ostseeurlaub lag vor mir – wie schön. Seit Wochen freute ich mich auf meine jährliche „Auszeit“ vom Alltag und natürlich wollte ich perfekt vorbereitet sein. Wie die Jahre vorher hatte ich Matratze, Kopfkissen und Schlafsack ins Auto gepackt sowie was zu essen und Klamotten für alle Wetterverhältnisse. Für den Strand sollte meine uralte Strandmuschel als Schutz vor Wind und eventuellen  Regenschauern herhalten, ich hatte sie extra ganz frisch imprägniert. Als ich sie vor Abreise probeweise im Hof aufgestellt hatte, fielen mir die Ostseeurlaube mit den Kindern ein, wie lang das schon wieder her ist …

Nicht zu unterschätzen bei all den Reisevorbereitungen ist der ganze Kleinkram, den man beim Autocamping braucht (oder auch nicht). Wasserkanister, Wäscheleine und -klammern, Campinglampe, Ersatzbatterien, Insektenspray, Regenschirm, Klopapier, Essbesteck usw. usw. Auch heuer wieder die größte Herausforderung für mich und die ewige Frage:  Hab ich an alles gedacht? Ich hatte nicht! Das fiel mir aber erst ein, als ich schon unterwegs war. Kondome! Wie konnte ich nur die Kondome vergessen? Ohne geht gar nicht, nicht am Meer! Sie sind definitiv ein absolut unverzichtbarer Bestandteil meiner Reiseausrüstung, die Dinger sollte man auf gar keinen Fall vergessen, wenn man schwerwiegende Folgen vermeiden will. Schon der Sicherheit wegen. Okay, dann musste ich mir also noch schnell welche besorgen.

Die ersten drei Nächte, bevor es weiter Richtung Ostsee gehen sollte, verbrachte ich recht komfortabel in einem schicken Gasthof nahe Treffurt. Als Mitglied eines Forums hatte ich mich zum jährlichen Treffen mit anderen Teilnehmern verabredet, um ein interessantes Wochenende zu erleben. Bis zum Beginn des Treffens am Freitagnachmittag, blieb mir noch genügend Zeit, um eine kleine Spritztour durch die Gegend zu unternehmen. An einem Supermarkt hielt ich an, um mir ein paar Getränke und die absolut unverzichtbaren Kondome zu kaufen. Die Getränke fand ich schnell, die Kondome nicht. Wo findet man sowas überhaupt im Supermarkt? Keine Ahnung! Vielleicht im Regal bei den Kosmetikartikeln für Männer? Fehlanzeige. Zwischen Duschbad, Rasierschaum, Aftershave, Deospray u.a. war nichts zu finden. Hmmm, die Dinger wird’s doch hier irgendwo geben? Da ich keine Lust hatte, mit der Suche noch mehr Zeit zu verplempern, fragte ich eine Verkäuferin, die geschäftig mit einer Kollegin ein Regal umsortierte. „Entschuldigen sie bitte, wo find ich hier denn Kondome?“ Der Kopf der anderen Verkäuferin schnellte beim Ausspruch des Wortes „Kondome“ sofort zu mir herum. Zwei neugierige Augen musterten mich unverhohlen und mit viel Interesse an meiner Person von oben bis unten (der ihr Kopfkino hätte mich mal interessiert …), während die andere mir freundlich mitteilte, dass die im Regal hinter der Kasse stehen. Ich bedankte mich, warf der glotzenden Verkäuferin einen vielsagenden Blick zu, stöberte noch ein bisschen bei den Zeitschriften rum und lenkte meinen Einkaufswagen zielstrebig Richtung Kasse. Es waren zwei Kassen besetzt. Ich stellte mich an der Kasse an, hinter der ich das betreffende Regal sah. Vor mir war nur eine Kundin, die ihrem Einkauf nach zu urteilen entweder für eine Großfamilie einkaufte oder sich mit Lebensmitteln eindeckte, um für eine bevorstehende Katastrophe gerüstet zu sein. Zeit für mich die verschiedenen Verpackungen zu beäugen und schon eine Vorauswahl zu treffen. Alle möglichen Farben und ein paar Geschmacksrichtungen standen zur Auswahl. Ich wusste genau, was ich wollte: farblos und ohne Geschmack. Als meine Vorgängerin endlich das Band abgeräumt hatte und ich an der Reihe war, äußerte ich mein Begehren und es schien mir, als ob die Dame leicht errötete und erleichtert war, dass ich genau wusste, was ich wollte und ihr dadurch eine ausführliche Beschreibung der Vorzüge der einzelnen Produkte erspart blieb. „Ja Hilfe, ist das so außergewöhnlich, dass hier jemand Kondome einkaufte? Am Ende sind die noch überlagert und halten den kommenden Belastungen nicht mehr stand?“ mutmaßte ich. Oder lag es daran, dass ich eine Frau bin? Ich kam mir ja fast schon frivol vor! Obwohl – eigentlich kann ich mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal welche gekauft hatte. Bestimmt schon hundert Jahre her oder so. Bisher bin ich immer ohne sie in den Urlaub gefahren – wie leichtsinnig von mir! Ts ts ts, geradezu unglaublich!

Zurück in meinem Gasthof holte ich eins aus seiner Verpackung. Das schlabbrige Ding baumelte, nachdem ich es aufgerollt hatte, lustlos zwischen Daumen und Zeigefinger und ich stellte fest, dass ich es sooo definitiv nicht verwenden konnte. Zuerst musste mal dieses glitschige Zeugs da ab. Vorsichtshalber packte ich noch ein zweites Teil aus, immer besser, wenn man einen Ersatz parat hat so für alle Fälle, ne? Im Waschbecken behandelte ich die beiden Teile dann rigoros mit warmen Wasser und Seife, stülpte sie ein paar Mal um, spülte sie dann sorgsam mit klarem Wasser aus und trocknete sie mit einem Handtuch vorsichtig von außen und innen, indem ich sie nochmal umstülpte. Es schienen alle Reste des Gleitgels beseitigt zu sein, prima! Ich legte die beiden Kondome nebeneinander auf die Armlehne eines Stuhls, damit sie über Nacht vollständig trocknen konnten. Sah schon irgendwie komisch aus, wie die zwei Dinger da rum hingen und ich konnte mir ein Grinsen einfach nicht verkneifen. Unter keinen Umständen durfte ich vergessen, sie am nächsten Morgen vor dem Verlassen des Zimmers abzunehmen und im Schrank zu verstauen. Was würde sonst das Personal vom Zimmerservice denken!?

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Am nächsten Tag stand eine Busfahrt in einem historischen Bus auf dem Plan. Bei einem Stopp in Eisenach spazierten wir durch die Fußgängerzone. Das Wetter war perfekt. Wir schleckten Eis, beobachteten dabei ein Brautpaar, das aus einem Gebäude hinter der Kirche kam und von den Gästen gratuliert wurde. Als gegen Ende der Zeremonie rote Herzluftballons gen Himmel stiegen … Unwillkürlich runzelte sich angestrengt meine Stirn. Da war doch was? Luftballon – Ballon – Blasen – Gummi … NEIN! Ein kalter Schauer des Schreckens überlief mich. Die Kondome! Ich hatte sie vergessen! Wie doof aber auch! „Jetzt denken die im Hotel, dass ich geizig bin oder verrückt oder pervers oder was weiß ich. Ich werde bei Nacht und Nebel auschecken müssen, damit ich keinem mehr in die Augen schauen muss!“ schoss es mir durch den Kopf. Oder ganz cool tun: „Wieso, ihr benutzt die wohl nur einmal? Was für eine Verschwendung. Man muss doch auch mal an die Umwelt denken!“ Den Rest des Tages war ich mir nicht sicher, ob ich über mein Versäumnis lachen oder mich peinlich berührt fühlen sollte.

Zurück im Gasthof stellte ich

  1. fest: Sie hingen noch über der Armlehne.
  2. dass es sich hierbei um eine echt außergewöhnliche „Deko“ handelte und
  3. musste ich laut loslachen. Lachen ist sowieso meist das beste Mittel gegen Peinlichkeiten.

Am übernächsten Tag, ich aalte mich entspannt am Ostseestrande, sah ich doch tatsächlich ein Pärchen, das belustigt damit beschäftigt war, Kondome über ihre Handys zu stülpen. Na also, bin ich nicht die Einzige hier am Strand, die dieses Video auf YouTube gesehen hat. Ich muss euch sagen, mein Handy hat sowohl Sand als auch Nässe am Strand unbeschadet überstanden. Dank sorgsam gewaschener, elegant übergestülpter und fest verknoteter Überzieher. Da kommt nix rein und der Anblick ist – naja – sagen wir mal – irgendwie besonders  😉

Also wundert euch nicht, wenn ihr an der Wäscheleine in unserem Hof frisch gewaschene Kondome hängen seht – immerhin geht es auf den Winter zu. Was gegen Sand gut ist wird auch bei Schnee helfen, gelle?

Grad denke ich darüber noch, ob man Kondome nicht auch anderweitig verwenden kann. Ihrer Form nach könnt ich mir gut vorstellen, sie im Notfall auch zur Verhütung zu verwenden, oder?

Was einem doch so alles passieren kann im Leben

Da schreib man seine Erinnerungen an längst vergangene Zeiten auf, stellt sie ins Netz, Leute interessieren sich dafür und dann ruft plötzlich einer vom Fernsehen an und will genau diese Erinnerungen für eine Doku verwenden – klingt doch schon mal interessant, ne? 

Dann darfst du auch noch nach Bulgarien fliegen, eine Freundin mitnehmen und musst nicht mal was dafür bezahlen. Im Gegenteil, es gibt dafür sogar noch Gage. Ist doch genial!

Wer meine Geschichte „Mit Jugendtourist nach Bulgarien“ gelesen hat, weiß, worum es sich dreht. 

So, nun lieg ich hier in Varna im Hotelbett, bin gespannt und auch ein klitzekleines bisschen aufgeregt vor dem morgigen Drehtag. 

Neben dem Drehteam werde ich unter anderem Bürger Lars Dietrich, der als Moderator fungiert, kennen lernen. 

1889 war ich zum letzten Mal in Bulgarien. Ist schon ne Weile her. Deshalb bin ich gespannt darauf, ob ich am Sonnenstrand noch was wieder erkenne und was sich seither alles verändert hat.

Ich lasse mich überraschen und werde berichten.

Upps – haha – 1889 🙂  was hab ich nur wieder getippt? Da hab ich natürlich noch als Quark im Schaufenster gelegen – grins

Urlaubsnachlese

Den ersten Schnee hat es in den Höhenlagen des Thüringer Waldes schon gegeben. Mal sehen, wie der Winter heuer wird. Die letzten beiden Jahre war nicht viel los mit weißer Pracht und so. Ich lass mich überraschen. Letztendlich müssen wir das Wetter nehmen, wie es kommt. Die Winterräder am Auto sind drauf. Ein paar andere Dinge, die ich für eventuelle Fälle unterwegs brauchen könnte, habe ich ebenfalls bereits im Auto: Wolldecke, Eiskratzer, kleiner Handbesen, Scheibenenteiserspray, Mütze, Handschuhe, Taschenwärmer für die Hände usw.

Voriges Wochenende habe ich meinen letzten Mittagsschlaf für dieses Jahr im Auto gemacht. Nach dem frühem Aufstehen und einer Wanderung am Rennsteig hat mir das richtig gut getan. Am darauffolgenden Tag räumte ich Matratze und Schlafsack ganz schweren Herzens nun doch endlich aus. Die Sachen hatte ich die ganze Zeit seit dem Urlaub noch im Auto gelassen. Das war praktisch, denn meine Mittagspausen auf Arbeit verbrachte ich den ganzen September lang fast täglich im Auto bei einem Nickerchen. Wie entspannend! Mein Plan war eigentlich, dass ich mir noch mal eine kleine Auszeit gönne und meine letzten paar Urlaubstage ganz locker per Seatcamping (huiiii – ein neues Wohort) an der Ostsee verbringe, so wie ich es im August schon mal getan hatte, auf der Insel Poel, was war die Woche herrlich … Wahrscheinlich würde ich mir da jetzt in der Nacht den Hintern abfrieren, wo ich doch so eine Frostbeule bin. Trotzdem sehne ich mich ans Meer zurück und immer wenn ich ein Autobahnhinweisschild sehe, möchte ich am liebsten losdüsen und alles für ein paar Tage hinter mir lassen.

Beim Ausräumen und Verstauen der „Autocamping“-Sachen dachte ich an ein paar kuriose Begebenheiten der letzten Wochen.

Kurz nach meinem Urlaub, Matratze, Schlafsack und Kopfkissen lagen wie erwähnt für den nächsten Kurztrip noch im Auto, wollte ich für die Kollegen auf Arbeit nachträglich etwas auf meinen Geburtstag ausgeben. Also fuhr ich nach einem langen Arbeitstag zum Supermarkt. Ich wollte schnell heim kommen und schob hastig meinen Einkaufswagen durch die Gänge. Wie gut, dass ich mir einen Einkaufszettel geschrieben hatte, da brauchte ich meinen Kopf nicht unnötig anzustrengen, denn der war sowieso voll mit vielen anderen Gedanken. An der Kasse ging es zügig und schon stand ich mit meinem vollen Einkaufswagen auf dem Rollband Richtung Parkdeck im Untergeschoss.

Untergeschoss? Ich stutzte und plötzlich fiel mir ein, dass mein Auto ja gar nicht unten stand sondern oben gleich gegenüber vom Haupteingang. Ich versuchte einer spontanen Eingebung folgend meinen Einkaufswagen rückwärts vom Rollband nach oben zu ziehen, was natürlich vollkommen aussichtslos war und sicher urkomisch ausgesehen haben muss, deshalb hörte ich damit auf, guckte mich um, ob es auch ja keiner gesehen hat, und musste plötzlich über mich selbst lachen.

Unten kam gerade ein Mann um die Ecke herum und betrat mit seinem Einkaufswagen voller Leergut das Rollband auf der anderen Seite, das nach oben führte.

Situation:

Mann sieht Frau mit vollem Einkaufswagen auf dem Rollband nach unten, sie ist ganz allein und sie lacht laut und herzhaft.

Frau sieht Mann mit Einkaufswagen voller leerer Flaschen auf dem Rollband nach oben, er ist allein, er schaut sie an, kratzt sich hinter dem Ohr und zieht die Stirn kraus. 

Ich musste noch mehr lachen, als ich sein Gesicht sah. Ich wollte mit dem Lachen aufhören, aber es ging nicht. Wenn ich angestrengt versuche, nicht zu lachen, dann muss ich erst recht lachen. Also versuchte ich nicht weiter, nicht zu lachen. Er grinste und guckte sich verunsichert um. Also fragte er mich, was denn so lustig wäre. Mir standen schon Tränen in den Augen und so brachte ich nur: „Mein Auto …“ heraus und zeigte mit dem ausgestreckten Arm nach oben während ich weiter nach unten fuhr und ununterbrochen weiter lachen musste. Er verstand sofort, was ich meinte, nickte und musste nun auch herzhaft lachen. Unten angekommen, inzwischen hatten hinter mir zwei weitere Personen mit ihren voll beladenen Einkaufswägen das Band betreten, beschrieb ich einen eleganten Bogen, wischte mir dabei schnell die Lachtränen aus dem Gesicht, und ließ mich und meinen vollen Einkaufswagen von dem Band auf der anderen Seite wieder nach oben transportieren. Ich verkniff mir diesmal unter allergrößten Mühen das Lachen, versuchte eine gleichgültige Mine aufzusetzen (ja, ganz so gleichgültig war sie doch nicht,  die Mundwinkel haben schon tüchtig gezuckt) und schaute die beiden Leute auf dem Band nach unten an, als ob es ganz normal wäre, mit den Einkäufen zum Zeitvertreib hoch und runter zu fahren.

Oben stand der Mann und wartete darauf, mir redselig mitteilen zu können, dass ihm das auch schon passiert wäre. In großen Parkhäusern schreibe er sich sogar die Nummern des Parkplatzes auf. Na also, gibt es noch mehr so zerstreute Menschen. Ich zollte ihm Anerkennung für die gute Idee mit dem Aufschreiben, wir lachten nochmal zusammen und während er zum Leergutautomaten ging, nahm ich diesmal den richtigen Ausgang, schmunzelte noch ein bisschen in mich rein und wollte anfangen, die Einkäufe im Auto zu verstauen (hatte ich irgendwann schon mal erwähnt, dass ich Einkaufen hasse?)

Wie ein riesiges Maul sperrte die fünfte Tür meines Autos ihren Rachen auf und gab den Blick frei auf eine Matratze, Kopfkissen, Schlafsack, Wasserkanister, Klopapierrolle, Taschenlampe, Insektenspray, Regenschirm und eine provisorische „Wäscheleine“ aus Paketschnur mit vier blauen Klammern daran. Ich hatte die Schnur zwischen den Haltegriffen an der Decke neben den Rücksitzen gespannt – clever, ne?

Zu dumm nur, dass ich die Klappboxen für die Einkäufe nicht dabei hatte. So ein Mist aber auch! Mann, eh, jetzt musste ich den ganzen Einkauf so ins Auto legen, das macht mir wieder mehr Arbeit daheim. Fast wäre meine gute Stimmung von eben wieder verflogen gewesen. Als ich gerade dabei war, etwas unmotiviert Frischkäse, Baguettes (natürlich in der Tüte), schwarzen Tee, Bohnenkaffee, Pizzagewürz, Mozzarella … kurzum meine Einkäufe einzeln, immer schön nacheinander wie Wurfscheiben lässig aus dem Handgelenk heraus ins Innere des durch Matratze, Schlafsack und Kissen gepolsterten Autos zu befördern, als plötzlich der Mann vom Rollband noch mal lachend auf mich zugelaufen kam und schon aus geraumer Entfernung anfing zu berichten, dass er sogar schon mehrmals den Wertbon für das Leergut, dabei schwenkte er diesen demonstrativ in der Hand, in dem Automat hatte liegen … Doch in diesem Augenblick verschlug es ihm abrupt die Sprache, denn er war bei meinem Auto angekommen und starrte in das Maul des Kofferraums hinein. Er sah nicht das darin, was er scheinbar erwartet hatte. Auf meinem Schlafsack und dem Kopfkissen lagen inzwischen neben den oben genannten Sachen noch Haarwäsche, Rasierklingen, Servietten, Katzenfutter, zwei Stumpenkerzen, ein halbes Brot, eine Flasche Riesling, Gummihandschuhe u.a. Er guckte mich ganz sonderbar mit etwas zur Seite geneigtem Kopf an. Irgendwie sah er leicht verstört aus. Ich guckte zurück, sehr entspannt und lächelnd, hob kurz die Schultern und erklärte ziemlich glaubhaft, während ich locker-flockig noch eine Packung Vanillezucker und Kaugummis ins Auto schleuderte: „Naja, auf Besuch bin ich heut eigentlich nicht eingestellt, sonst hätte ich vorher etwas aufgeräumt. Gefällt`s Ihnen nicht bei mir? Also, ja, im Winter wird es manchmal etwas frisch, aber die paar Monate gehen auch schnell rum, ne? Und durch den Klimawandel wird das ja nicht mehr ganz so kalt …“  Dabei nickte ich überzeugt. Er brachte noch ein „Ja, ach so, ja klar. Ich muss dann auch wieder …“ zustande und war dann ziemlich schnell im Inneren des Supermarktes verschwunden. Meine Laune hatte sich schlagartig verbessert.

Vergnügt fuhr ich an Hibu Ost vorbei Richtung Innenstadt. Nur einen ganz winzigen Augenblick lang zögerte ich an der Kreuzung mit dem Wegweiser Richtung Autobahn, seufzte kurz und fuhr nicht dorthin, wo ich gerne hin gefahren wäre, obwohl ich meinte, für einen kurzen Moment eine Möwe kreischen gehört zu haben.

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Ich fuhr einfach heim.

Auszeit

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Heut war so ein richtig schöner Tag. Wie schade, dass ich erst so spät heim kam und von der Sonne nicht mehr wirklich viel hatte. Die Liege steht noch hinten im Garten, ich pflückte mir ein paar Trauben, machte es mir auf ihr gemütlich und träumte mich ans Meer. Ist das wirklich schon wieder vier Wochen her?

Genau wie im letzten Jahr hatte ich mir eine Woche Auszeit genommen und war an die Ostsee gefahren. Matratze und Schlafsack im Auto, Klamotten, was zu Essen und Trinken …

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Die Tage verbrachte ich am Strand. Das Wetter war perfekt. Ich hatte mir nichts vorgenommen, wollte nur in den Tag hinein leben, Sonne, Wasser, Luft und Freiheit genießen. Abschalten. In meinen Romanen versinken. Schlafen. Es ist schön, am Strand zu schlafen, wenn das Meer rauscht und ein leichter Wind weht.

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Manchmal schaute ich den Volleyballspielern zu, ihre Stimmen konnte ich aber nicht hören, dazu waren sie zu weit weg. Ich war ziemlich faul im Gegensatz zu ihnen und mein Bewegungsdrang hielt sich eher in Grenzen. Genau genommen beschränkte er sich auf ab und zu etwas Schwimmen, gelegentlich sehr gemütlich am Strand auf und ab laufen und bei Bedarf die Position auf meiner Badematte wechseln.

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Manchmal konnte ich mich aufraffen, ein paar Fotos zu machen von den Möwen, in der Ferne vorbeiziehenden Schiffen und am liebsten von den wunderschönen Sonnenuntergängen und Abendstimmungen am Meer. Die habe ich besonders genossen.

Der Strand war wunderbar ruhig. Wenn neue Strandbesucher dazu kamen, dann achteten sie auf Abstand zu den anderen, die schon da waren. Man grüßte sich, lernte sich gelegentlich kennen, wechselte ein paar freundliche Worte, hatte einen Blick auf die Sachen, wenn die anderen Baden waren und verabschiedete sich am Abend. Ich empfand die Atmosphäre entspannt und fast familiär. Manche Leute hatten sich einen Windschutz oder eine Strandmuschel aufgestellt. Ich hatte nur einen Regenschirm. Wenn die Sonne gar zu toll schien, dann war er mein Sonnendach. Ein ganzes Stück weiter vorne, am Textilstrand, gab es Strandkörbe. Um nichts in der Welt hätte ich tauschen mögen, denn dort waren sehr viele Menschen, es war laut und bunt und roch nach Sonnenschutz und nicht nach Meer.

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Erst wenn die Sonne schon längst unter gegangen war und die Dämmerung eingesetzt hatte, raffte ich meine sieben Sachen zusammen und genehmigte mir noch einen Radler in der Klause. Dann duschte ich und bis ich auf dem Parkplatz an meinem Auto ankam, war es meist schon 23.00 Uhr und alles rundherum stockfinster. Am ersten Abend leuchtete ich mir noch den Weg mit der Taschenlampe am Handy, am zweiten fand ich ihn im Dunkeln. Dann kroch ich in mein Auto und konnte dank der milden Temperaturen mit geöffneter Autotür schlafen.

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Die Woche verflog nur so. Ein paar Tage Urlaub habe ich noch in diesem Jahr. Die Matratze und der Schlafsack liegen immer noch im Auto. Wer weiß, vielleicht packt mich das Ostseefieber ja noch einmal …

Schlaflos in Seattle – äh, in Morsleben

Also „Schlaflos in Morsleben“ ohne Tom Hanks 😉

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Morsleben liegt nicht mal in der Nähe von Seattle. Im Grund genommen sehr weit weg davon und sehr wahrscheinlich gibt es auch nicht wirklich viel Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Orten. Dass es für mich eine (fast) schlaflose Nacht (natürlich ohne Tom Hanks) in diesem kleinen Dorf in der Börde werden würde, ahnte ich natürlich nicht, als ich mein Auto vor dem wunderschön hergerichteten Bauernhaus abstellte.

Das Zimmer gefiel mir. Ich brauchte es zwar nur für eine Nacht, hatte aber nichts gegen eine gewisse Wohlfühlatmosphäre einzuwenden. Gegenüber der Tür ließen zwei Fenster Richtung Innenhof viel Licht in den Raum. Links stand mein Bett, rechts ein Sofa, in der Mitte ein Tisch mit Stühlen, dahinter ein Sideboard mit TV – also ein ziemlich großzügiges Zimmer. Rechts neben der Tür war ein Teil des Raumes abgetrennt für Dusche und WC, neu und modern. Prima!

Viel Gepäck hatte ich nicht mit rein genommen, meinen kleinen Rucksack mit den Dingen, die ich auf Reisen immer mit mir rum schleppe sowie eine Tasche mit den Kleidungsstücken für morgen und mit meinem Waschzeug. Ich hatte mir vorgenommen, nicht all zu spät ins Bett zu gehen, denn für den nächsten Morgen hatte ich mich zu einer Besichtigung des Endlagers Morsleben angemeldet und schon für halb sieben das Frühstück bestellt.

Das nette Ehepaar, das die Pension betreibt, hat weiter hinten im Garten einen gemütlichen Bungalow, da saß ich dann noch eine ganze Weile auf ihre freundliche Einladung hin mit den beiden zusammen und wir unterhielten uns sehr angeregt. Zufällig stammte die Frau aus meiner Gegend und freute sich, mal wieder ihre Mundart zu hören.

Es war so gegen 22.30 Uhr, als ich dann endlich in meinem wirklich gemütlichen Bett lag. Der Wecker in meinem Handy war auf 6.10 Uhr gestellt, meine Sachen lagen bereit, ich konnte beruhigt einschlafen. Jetzt machte sich auch die lange Autofahrt bemerkbar, sie hatte mich doch ziemlich erschöpft und mir fielen schnell die Augen zu.

Um halb zwei wachte ich auf, weil ich glaubte, etwas gehört zu haben. Ich lauschte in die Dunkelheit und hörte – nichts. Scheinbar hatte ich geträumt. Immerhin war ich nicht mal sicher, was genau ich gehört hatte. Gerade als ich noch so ein bisschen darüber nachdachte und schon fast wieder am Wegdämmern war, ertönte ziemlich vernehmlich ein Piepton, laut und deutlich. Na also, doch nicht geträumt!

Plötzlich hellwach schaltete ich die Nachttischlampe an und guckte mich um. Was war das? Mein Handy? So ein Ton kam da bisher eigentlich noch nicht raus, aber man kann ja nie wissen … Am Handy war alles wie immer, stellte ich nach kurzer Besichtigung fest. Vorsichtshalber guckte ich nochmal nach der Weckzeit, auch perfekt! Ich saß im Bett und hoffte, dass es noch einmal piepsen würde, damit ich die Richtung des Tones lokalisieren und ihn ausschalten konnte. Es blieb ruhig. Keine Ahnung, wie lang ich da auf der Bettkante saß und lauschte. Zwischendurch kippte ich ein paar Mal leicht ab, als mich die Müdigkeit übermannte, fing mich aber dann gleich wieder, um angestrengt weiter zu horchen, aber nichts rührte sich mehr. Es war vorbei. Ich knipste die Nachttischlampe aus, kuschelte mich unter meine Decke und war froh, meine Ruhe zu haben.

Genau in diesem Moment piepste es wieder! Sofort sprang ich aus dem Bett, machte diesmal die Deckenbeleuchtung an und blieb mit dem Rücken zur Tür stehen, um das ganze Zimmer überblicken zu können. Wäre doch gelacht, wenn ich nicht dahinter käme, wo sich dieser Piepser versteckt hat. Systematisch suchte ich sehr gründlich Wände, Decke, Fußboden und sämtliche Möbelstücke nach dieser eigenartigen Geräuschquelle ab, konnte aber nichts Auffälliges feststellen. An der Decke hing nur die Lampe, an den Wänden war nichts Auffälliges und vom Boden her schien mir das Geräusch eh nicht her zu kommen. Dann schlich ich mit gespitzten Ohren um den Tisch herum. Und da piepste es wieder! Genau, das Piepsen kam eindeutig vom Tisch her! Meine ganze Aufmerksamkeit galt nun diesem Möbelstück. Ich fühlte ihn ab und kroch darunter, guckte mir die Tischplatte von unten an – fand erstmal nichts. Doch so schnell gebe ich nicht auf! Da lag ja so Einiges von mir herum.

Es half nur eins: auspacken, was ich bei mir hatte und möglicherweise Töne von sich geben könnte (oder auch nicht). Innerlich stöhnte ich kurz genervt auf, war dann aber voll motiviert und fest überzeugt, den Piepser nun zu finden.

Ich packte in meiner Verzweiflung einfach ALLES aus. Zum Glück war es ja nicht so viel, das Meiste hatte ich ja im Auto gelassen. Nach kurzer Zeit lagen auf der einen Seite des Tisches Fotoapparat, Ladegerät für Handy, mobiles Handyladegerät, Fön, elektrische Zahnbürste, Selfie stick, Feuerzeug, Ladegerät für Akkus vom Fotoapparat, sämtliche Akkus, Ersatz-Bluetooth-Auslöser, Fernbedienung vom Fernseher. Auf der anderen Seite: Geldbeutel, Fahrzeugpapiere, Autoschlüssel, Labello, noch ein Labello, Tempotaschentücher, Sonnenbrille, Lesebrille, mein Buch, Haargummi, Kaugummi, Schminktäschchen, Brillenputztuch, SD-Karte, Kuli, Notizblock, Haarreifen, Deoroller. Ich guckte auch ins Bad, aber da stand nur mein Waschzeug rum und nichts, was eventuell piepsen könnte, außer der Zahnbürste und die hatte ich schon zu Kontrollzwecken auf dem Tisch platziert.

Ich nahm mir jedes einzelne Teil genau vor, schüttelte meinen Rucksack und die Tasche noch mal aus, kontrollierte auch die Hosentaschen meiner Jeans. Meine Füße wurden kalt, weil ich barfuß rum lief. Da fiel mir ein, dass ich mich vielleicht doch verhört hatte und das Piepsen von draußen herein gekommen ist. Also schloss ich vorsorglich das Fenster, obwohl ich gar nicht gerne bei geschlossenem Fenster schlafe.

Es hatte nun schon eine ganze Weile nicht mehr gepiepst. Sehr komisch! Erst kurz hintereinander, dann eine Weile wieder nichts und man denkt, es ist vorbei …Ich war hundemüde und wollte doch nur eins: endlich weiter schlafen. Mit der Hoffnung auf wenigstens noch ein bisschen Nachtruhe legte ich mich wieder hin. Tatsächlich schlief ich ein. Kurz. Bis es wieder piepste.

Naja, egal, ich wollte sowieso aufstehen, um das Fenster wieder zu öffnen. Ratlos untersuchte ich auch noch das Fernsehgerät von allen Seiten und zog den Stecker heraus.  Als ich zum Bett zurückging, fiel mein Blick auf den Autoschlüssel. War das etwa die Nervensäge? Da muss ja irgendwas drin sein, sonst würde ja die Fernbedienung am Auto nicht funktionieren. Vielleicht eine Monozelle oder sowas. Keine Ahnung. Das muss ich unbedingt mal recherchieren … Sollte ich vielleicht vorsichtshalber mal nach meinem Auto gucken? Guter Gedanke. Ich schlich mich also barfuß im Shorty raus vor die Haustür, bediente zweimal die Fernbedienung: Türen auf, Türen zu – stellte fest, dass alles normal funktionierte und schaffte es grade so zurück ins Haus, bevor die Haustür ins Schloss fiel und mich ausgesperrt hätte. Na das hätte mir noch gefehlt! Den Zimmerschlüssel, der gleichzeitig zum Öffnen der Haustür diente, hatte ich nämlich vor lauter Schusseligkeit im Zimmer liegen gelassen.

Inzwischen wurde es draußen schon langsam hell. Ich war sowas von müde und überlegte, welche Optionen mir jetzt noch blieben. Das Ehepaar anrufen ging nicht, denn ich hatte nur die Nummer der Pension und das Telefon stand neben Haustür am Empfang, während sie vermutlich eine Etage über mir wohnten und selig schliefen. Eine Handynummer hatte ich nicht von ihnen. Ich zog kurzzeitig in Erwägung, im Frühstücksraum auf einem Stuhl weiter zu schlafen oder auf dem Billardtisch und musste über mich selbst lachen. Es waren auch noch andere Gäste im Haus, doch was würde das für einen Eindruck machen, wenn ich mitten in der Nacht um Asyl nachfragte? Also irgendwie kamen alle Möglichkeiten nicht in Frage. Da stand ich nun in meinem Zimmer und mir fiel nichts Besseres ein, als alle meine Sachen, die auf dem Tisch lagen, nebst Klamotten, dem Handy, der Fernbedienung für den Fernseher, dem leeren Rucksack, der Tasche, dem Autoschlüssel und den Turnschuhen ins Bad auf den Fußboden unter das Waschbecken zu legen, mit der Decke und ein paar Kissen vom Sofa zuzudecken und die Badtür zu schließen. Wenn sich der Piepser eventuell doch zischen meinen Sachen befand, dann würde ich ihn jetzt nur noch sehr gedämpft wahrnehmen oder gar nicht mehr. Haha, ich lass mich doch nicht von so einem Piepser unterkriegen! Wo kommen wir denn da hin? Mir reicht es nämlich jetzt, so! Verbannung ins Bad – da kann das Ding sich dumm und dämlich piepsen. Also vorsichtshalber guckte ich aber doch nochmal unter das Bett …

Mit einem Handtuch ausgerüstet, total fix und alle, mit immer noch kalten und inzwischen auch schmutzigen Füßen kroch ich, zu 50% entschlossen, zu 50% der Verzweiflung nahe, unter meine Decke. Das Handtuch legte ich mir über die Augen, um meinem Bewusstsein vorzuschwindeln, dass es noch dunkle Nacht sei (leider war es mittlerweile schon glockenhell draußen). Viel Zeit blieb mir nicht mehr. Zwei Piepser ertönten noch in kurzen Abständen hintereinander. Es klang fast schon ein bisschen hämisch oder bildete ich mir das nur ein? Ich hatte nur noch ein gequältes Seufzen übrig und konnte mich nicht entscheiden, ob ich lachen, weinen, verrückt werden oder es einfach ignorieren sollte. Ich wollte es mit dem Letzteren probieren, einfach ignorieren. Da auch das Nichthinhören auf die Dauer unheimlich anstrengend und ermüdend sein kann, wirkte es dementsprechend. Im Halbschlaf gingen mir ganz sonderbare Gedanken durch den Kopf: Psychoterror, Stasigefängnisse, Folter, versteckte Kameras, Strahlungen aus der Deponie, blutrünstige Insekten – ich lese eindeutig zu viele Romane oder meine Fantasie ging mit mir durch in Anbetracht der Lage!

Irgendwann bin ich tatsächlich eingeschlafen. So fest, dass ich nichts mehr gehört habe oder es kam tatsächlich kein Geräusch mehr, ich weiß es nicht. Jedenfalls hatte ich einen sehr realistischen Traum gehabt: es war früher Morgen. Eine fremde Frau und meine Nichte waren im Zimmer und ich erzählte ihnen gerade haargenau das, was ich in dieser Nacht durchgemacht hatte. Der einzige Unterschied bestand darin, dass im Traum die Tür vom Badezimmer an einer anderen Stelle war. Sonst war alles genau gleich. Die beiden glaubten mir nicht. Das regte mich auf. Mitten in meinem Bericht piepste es wieder, immerzu hintereinander. Es wollte gar nicht mehr aufhören. Davon wurde ich wach und stellte fest, dass es nicht im Traum piepste, sondern in Wirklichkeit – ach so, der Wecker von meinem Handy. Was denn, schon aufstehen? Und wieso liegt ein Handtuch auf dem Kopfkissen? Also ich mag nicht gerne mitten im Traum geweckt werden, schon gar nicht wenn er so realistisch ist. Andererseits hatte ich was vor und musste raus, in zwanzig Minuten hatte ich mein Frühstück bestellt. Ich musste kurz darüber nachdenken, was man doch für einen Schwachsinn träumen kann. Irgendwie fühlte ich mich noch total müde. Ich wollte den Weckton abschalten, fand aber das Handy gar nicht. Nanu? Ich hatte es doch gestern Abend neben das Bett gelegt? Der Weckton kam irgendwie so gedämpft bei mir an. Hatte ich das Handy etwa im Bad liegen gelassen? Ich tappte verschlafen und gähnend ins Bad.

Da traf mich fast der Schlag. Unter dem Waschbecken – die Sofadecke und die Kissen, darunter mein ganzer Krimskrams, dazwischen irgendwo mein Handy. Mir wurde heiß und kalt, weil ich Traum und Realität kaum noch auseinanderhalten konnte. Ist das die Grenze zum Durchdrehen? Gerade als mir bewusst wurde, dass mein Traum die fiktive Fortsetzung der Realität gewesen ist und ich darüber nachgrübelte, wie sowas denn möglich sein kann, piepste es wieder. In Wirklichkeit! Und nicht aus meinem Handy. In einem Comic hätte der Zeichner seiner Figur wohl an dieser Stelle die Haare zu Berge stehen lassen.

Bei Tageslicht wirkte der Ton längst nicht mehr so extrem schrill wie nachts und tatsächlich entdeckte ich endlich das Corpus Delicti an der Decke genau über der Tür. Ein Rauchmelder! Oh Mann! Kein Wunder, dass ich ihn in der Nacht nicht sehen konnte, denn da hatte ich das Teil ja hinter mir, als ich mit dem Rücken zur Tür das Zimmer inspizierte. Gehört so ein Teil nicht in die Mitte des Raumes? Naja, das war mir ja nun auch egal, die Nacht war rum. Vermutlich waren die Batterien darin leer, ich würde es nachher den Leuten sagen und sie würden sich darum kümmern.

Irgendwie war ich echt beruhigt, dass es nur der Rauchmelder war und dass ich nun erleichtert und belustigt darüber lachen konnte. Die nächste Nacht würde ich bestimmt ganz früh ins Bett gehen und den verpassten Schlaf nachholen … oder die übernächste Nacht. Eine ganze Woche Urlaub zum Ausschlafen lag ja noch vor mir.

Von FDGB-Urlauben und warum ich keinen Dutt mehr trage

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Irgendwie hatten es meine Eltern 1969 geschafft, einen der begehrten FDGB-Urlaubsplätze zu ergattern. Und das noch dazu im Sommer! Es war unsere einzige gemeinsame Urlaubsreise und vielleicht kann ich mich gerade aus diesem Grund noch an einige kleine Begebenheiten erinnern.

FDGB = Freier Deutscher Gewerkschaftsbund – ich glaube, es waren so gut wie alle Werktätigen mehr oder weniger freiwillig darin organisiert. Mich hat jedenfalls keiner gefragt, ob ich beitreten will oder nicht. Ich bekam mein rotes Mitgliedsbuch in die Hand gedrückt, war von da an Mitglied der „Gewerkschaft Unterricht und Erziehung“  und durfte nun jeden Monat Beitragsmarken bzw. Soli-Marken kaufen, die immer schön brav einzukleben waren.

Als Belohnung für die Mitgliedschaft bekam ich bei einer Erkrankung, die länger als 10 Tage dauerte, was bei mir allerdings äußerst selten vor kam (ich kann mich nur an einmal erinnern), eine Dose Pfirsiche oder Ananas aus dem Fress-Ex (Delikatessen – Laden) überreicht. Ich glaube, so eine Dose hat um die 12 Mark gekostet, also DDR-Mark, und ich schaffte es, sie mit einem Ritt zu verdrücken, ohne mit der Wimper zu zucken – hmmm, war das lecker! Und so selten! Konnte ich mir sonst ja nicht leisten.

Weiterhin bestand die Möglichkeit, über die Gewerkschaft einen preiswerten Urlaubsplatz zu bekommen einschließlich Fahrpreisermäßigung für öffentliche Verkehrsmittel. Aber es gehörte ein bisschen Glück dazu, denn die Urlaubsplätze waren begehrt und schnell vergriffen.

So kam es also, dass wir vier – Mutti, Papa, meine kleine Schwester und ich – in den Urlaub nach Lychen fuhren. Wir hatten kein Auto, also fuhren wir mit der Deutschen Reichsbahn von Hildburghausen über Meiningen nach Berlin und von dort weiter nach Lychen. Das war eine kleine Weltreise für uns, ging es doch immerhin fast durch die ganze Republik!

Unser Feriendomizil war, soweit ich mich erinnere, eine alte Villa. Unser kleines Zimmer war unter dem Dach, mit schrägen Wänden. Vor dem Haus standen ein paar Tische und Stühle, da saßen wir manchmal  und bekamen Most (Fruchtsaft) aus Weingläsern zu trinken. Der Most war lecker. Die Gläser haben mich fasziniert. Sie kamen mir hauchdünn im Vergleich zu unseren rustikalen Gläsern zuhause vor. Einmal habe ich tatsächlich versehentlich ein Stück des Glases zerbissen und hatte ein paar kleine Splitter im Mund. Ich hab sie ausgespuckt, das Glas umgedreht und weiter getrunken. Dann hatte ich solche Angst, dass meine Eltern deshalb Ärger bekommen und das Glas bezahlen müssen oder dass wir deshalb wieder heimfahren müssen. Ich hielt das Glas für unheimlich wertvoll. Ich glaube, es hat keiner vom Personal bemerkt, aber es hat mich ein paar Tage lang ziemlich belastet, weil ich es verheimlicht hatte.

Wir waren oft am See zum Baden. Mutti hatte sich extra einen Bikini gekauft, den meine Uroma später auf den Fotos als äußerst unanständig bezeichnet hat. Ich hatte einen roten Badeanzug bekommen, auf den ich mächtig stolz war. Allerding war er vermutlich aus Baumwolle, denn wenn er nass war, hing er mir fast bis in den Kniekehlen. Aber das hat mich mit sechs Jahren noch nicht wirklich gestört. Meine Schwester hatte auch einen winzig kleinen Badeanzug, sie war ja gerade mal drei Jahre alt. Aber sie zog es vor, lieber „ohne“ baden zu gehen. Immer, wenn keiner guckte, hatte sie ihn ausgezogen und irgendwo hin geschmissen.

Am  Badesee gab es eine längliche Holzbaracke, in der man sich umziehen konnte – eine vollkommen neue Erfahrung für mich: extra eine Häuschen aufzustellen für solche Zwecke – das fand ich erstaunlich, zumal wir in dieser Zeit zuhause noch ein Plumpsklo neben dem Misthaufen hatten und dazu aus den Hinterausgang unseres Hauses hinaus, einen überdachten, mit Sandsteinen ausgelegten Gang entlang gehen mussten, um an den Holzverschlag mit dem gewissen Örtchen zu kommen. Also fand ich eine Baracke extra zum Umkleiden ausgesprochen luxuriös.

Einmal haben wir einen Ausflug mit der „Weißen Flotte“ nach Feldberg gemacht. Dort bekamen wir ein Eis, das war nichts Alltägliches für uns und wir haben uns sehr gefreut. Meine Schwester kam mit der Waffel, die die Form einer halben Muschel hatte, gar nicht klar, sie hatte ja noch so kleine Händchen und das in der Sommerhitze schnell tauende Eis rutschte auf die Erde. Es gab Tränen und so teilten wir uns mein Eis und alles war wieder gut.

Ich kann mich daran erinnern, dass sich meine Mutter an einem Abend für das kreative Gestalten angemeldet hatte. Am nächsten Tag zeigte sie uns eine mit dicker Wolle umwickelte Flasche, die nun eine Vase sein sollte. Ich fand sie hässlich, denn Mutti hatte graue Wolle genommen. Vielleicht gab es auch keine andere Farbe, ich weiß es nicht. Außerdem hielt der Leim nicht, so dass der Faden sich am Flaschenhals immer wieder löste. Die Flaschenvase stand dann noch ewig bei uns daheim rum. Sie ging auch nicht kaputt, wenn sie herunter fiel, weil die dicke Wolle das Zerbrechen verhinderte.

Unsere Mutter hat meine Schwester und mich immer schick angezogen, meistens im Partnerlook … ähm, Schwesternlook ist da wohl das bessere Wort. Wenn ich die alten Fotos angucke haben wir ganz oft die gleichen Sachen an. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich es mit meinen beiden Sprösslingen genauso gemacht habe – lach. Kein Wunder, diese frühkindliche Erfahrung scheint mich wohl sehr geprägt zu haben. Außerdem hat es einen großen Vorteil: geht ein Kind zum Beispiel im Kaufhaus verloren, kann man anhand von Kind Nr. 2 leicht eine exakte Personenbeschreibung abgeben, ohne lang nachdenken zu müssen. „Gesucht wir die kleine Birgit. Sie ist drei Jahre alt und wir haben sie versehentlich in der Spielzeugabteilung vergessen. Birgit trägt ein ärmelloses Sommerkleidchen mit rosa-flieder-weißen Querstreifen, weiße Söckchen, rote Schuhe mit Riemchen und hat einen hellblauen, 15 cm großen Teddybär bei sich. Ihre langen Haare sind aus der Stirn gekämmt und zu einem Dutt aufgesteckt …

Dutt! Das war damals die große Mode. Allerdings endete dieser Modetrend in diesem Urlaub für mich abrupt. Nicht, dass ich bis dato ungerne einen Dutt gehabt hätte, im Gegenteil. Die langen Haare waren manchmal nervig für mich, vor allem, weil es beim Kämmen oft ziepte. Mit einem Dutt allerdings waren die Haare wunderbar gebändigt und ich fühlte mich gleich ein bisschen größer.

Eines Tages in diesem Urlaub hatte uns die Mutter wieder mal unsere langen Haare zu einem Dutt frisiert. Wir durften schon runter gehen und sollten unten im Garten noch ein bisschen spielen, bis die Eltern nachkämen und unser Ausflug losging. Vor dem Haus warteten schon die beiden Jungs, die ebenfalls hier mit ihren Eltern Urlaub machten. Sie waren etwas älter als wir und manchmal unternahmen unsere beiden Familien gemeinsam etwas. Da keine Erwachsenen in der Nähe waren, amüsierten sie sich über unsere Frisuren. Meine Schwester war noch zu klein, um es zu verstehen, aber mir ging das ganz schön ans Gemüt. Ich musste mich sehr zusammen reißen und meine Tränen unterdrücken. Einer der beiden stellte dann fest, nachdem er sich meinen Dutt von hinten oben (er war ja größer als ich) genau betrachtet hatte, dass so ein Dutt aussieht wie das Arschloch einer Katze. Das posaunte er laut lachend heraus und sein Bruder fiel auch noch mit ein. Die beiden haben sich gar nicht wieder eingekriegt und sich köstlich amüsiert auf meine Kosten. Ich war todunglücklich und nahm mir vor, meine Mutti zu überreden, dass sie uns nie, nie wieder so eine Frisur auf den Kopf machte.

Ich kann mich nicht erinnern, ob ich die beiden verpetzt habe. Wahrscheinlich nicht, denn dann hätte ich dieses schlimme Wort mit „A“ in den Mund nehmen müssen und solche Wörter durfte ich ja nicht sagen.

Nach diesem Urlaub hatten unsere Familien noch eine Zeit lang Kontakt, der sich dann aber irgendwann verlor. Inzwischen sind fast 46 Jahre vergangen. Vor einer Woche habe ich durch Zufall einen der „Übeltäter“ von damals wieder entdeckt und ihm die Geschichte erzählt. Er konnte sich nicht erinnern. Klar, er war ja auch nicht betroffen. Aber Frauen vergessen nie – zumindest nicht sowas – lach. Der „Fall“ ist natürlich längst verjährt. Jetzt kann ich darüber herzlich lachen. Ich habe mit meinen Eltern die wenigen, alten Schwarz-Weiß-Fotos von damals raus gesucht und wir haben uns erinnert – das war schön.

Bevor die Wende kam, nutzte ich noch zwei Mal die Gelegenheit, in den FDGB-Urlaub zu fahren. Einmal ging es nach Oberhof, also fast um die Ecke. Das war im Februar 1986, ich war schwanger und mein Mantel ging über den Bauch nicht mehr zu. Ich kann mich an eine Wanderung an die Schanze erinnern. Auf dem Rückweg hat es arg geschneit und ich sah mit meinem dicken Bauch tatsächlich wie ein wandelnder Schneemann aus.

Die zweite Reise ging an die Ostsee, nach Bansin. Das war im Sommer 1990. Diesmal hatten wir eine Ferienwohnung, nahmen aber die Mahlzeiten im  FDGB-Heim ein.

Weitere Erinnerungen habe ich nicht. Den FDGB gab es dann 1990 nicht mehr. Für meine Urlaube eröffneten sich völlig neue Perspektiven, dich ich sofort ausnutzte – und das, ohne Marken in ein Büchlein einkleben zu müssen 😉

Untenrum nicht ganz perfekt

Mit Mühe war es mir gelungen, meinem von einer hartnäckigen Erkältung gezeichneten Gesicht ein halbwegs ausgehtaugliches Aussehen zu verpassen. Der Kleidersack mit dem Outfit hing schon seit dem Vorabend fix und fertig im Auto. Es konnte losgehen! Also rein in die Stiefel, Jacke dran und auf in unsere Landeshauptstadt Erfurt.

Ich hatte eine Verabredung 🙂 Heike, Vera und ich hatten uns vor ein paar Jahren bei einem Seminar der Hanns-Seidel-Stiftung in Kloster Banz kennen gelernt und uns inzwischen schon mehrmals zu anderen Seminaren getroffen. Da wir alle drei an unterschiedlichen Orten wohnen, Erfurt, Augsburg und Bedheim-City  ;-), ist das gar nicht so einfach mit „mal schnell zwischendurch privat treffen“. Bisschen Planung macht sich da schon ganz gut.

Vera hatte noch Urlaub und verbrachte ein paar Tage in Erfurt. Für mich ist die Entfernung überschaubar und in einer guten Stunde zu bewältigen. Also stand einem Treffen nichts mehr im Wege. Heike hatte sich für den Tag etwas Besonderes ausgedacht. Wir wollten zuerst ins Kerzen-Café gehen und anschließend in die Oper. Deshalb hatte ich mir vorgenommen, mich richtig gut zu fühlen und auf meine Erkältung zu pfeifen – basta!

Als ich ankam, standen die beiden standen schon in ihrer Ausgehgarderobe bereit. Ich wechselte Stiefel, Leggings und Shirt gegen weiße Marlene-Hose, nachtblaue Bluse, legte eine Perlenkette um und holte als letztes aus dem Kleidersack meine ebenso nachtblauen Lackschuhe …

Ähhhh? Die Schuhe! Oh, nein! Doch sie waren drin in dem Sack, zwei Stück, ein linker Schuh, ein rechter Schuh … nur nicht mein schickes nachtblaues, zur Bluse passendes Paar! Davon war nur einer drin – der linke! Anstelle des passenden Gegenstückes für den rechten Fuß war ein schwarzer Lederschuh drin! Wie das? Ja, klar, ich hatte am Abend zuvor überlegt, ob ich lieber mein „kleines Schwarzes“ oder doch besser eine Hose anziehe. Beim Einpacken der Sachen hatte ich mich dann scheinbar bei den Schuhen vergriffen …

Ich guckte auf das Paar in meinen Händen, das doch kein Paar war, dann guckte ich Heike und Vera an und dann – musste ich lachen, laut los lachen. Ich würde heute also mit zweierlei Schuhen ausgehen – mal was ganz anderes! Wie originell! Ich hatte keine Wahl (meine Stiefel gingen erst recht nicht) also nahm ich es mit Humor und dachte mir: es gibt Schlimmeres.

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Anfangs kam ich mir wie ein Hanghuhn vor, da die Absätze unterschiedlich hoch waren (zum Glück nur 1,5 cm). Das konnte ich jedoch nach kurzem Probelauf durch entsprechende Beckenbewegungen (diese nennt man auch Popowackeln –grins) gut kompensieren. Des Weiteren versuchte ich durch dezentes Schlenkern meines totschicken GUCCI-Täschchens die Blicke auf Selbiges und somit von meinen Schuhen (ab) zu lenken. Vorsichtshalber. Nicht, dass mich noch jemand für verwirrt hält oder so … Alle anderen Fotos wurden übrigens so aufgenommen, dass meine Schuhe nicht mehr zu sehen waren, wie schade!

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Der Tag wurde wunderschön. Ich dachte nur an die Schuhe, wenn mich mal wieder jemand damit aufzog. Das geschah so ca. alle viertel Stunde – oder war es öfter? Wir kamen dann auf die Idee, dass ich damit vielleicht einen neuen Trend in der Damenschuhmode für 2015 setzte. Heike – die Trendsetterin! Manche Fußballer spielen schließlich auch mit zweierlei Schuhen. Warum eigentlich? Sind die farbenblind, wollen die angeben, sind die zerstreut und haben auch die falschen eingepackt oder können die auf diese Weise besser rechts und links unterscheiden??? Egal – bis jetzt hat mich jedenfalls noch kein Modeschöpfer angerufen – die haben scheinbar alle Weihnachtsurlaub oder bessere Ideen 😉