Daumen im Wind

Als Jugendliche und junge Erwachsene hatte ich keine S 50 und kein Auto. Letzteres sowieso nicht, nicht mal eine Anmeldung für einen Trabi hatte ich – schäm! Es fuhren ja genug Busse und Züge, fand ich. Aber ich hatte meinen „Tramper-Pass“ – so nannten wir damals die „Unfallversicherung für Mitfahrer in Kraftfahrzeugen als Anhalter“ – für alle Fälle.

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Und diese Fälle waren öfter. Entweder, weil ich wieder mal einen Anschluss nicht erreicht hatte oder die Deutsche Reichsbahn bzw. die Busse vom VEB Kraftverkehr nicht dorthin fuhren, wo ich grade hin wollte. Dann stellte ich mich an den Straßenrand, manchmal allein, manchmal mit einer Freundin und wir hielten den Daumen in den Wind. Es funktionierte immer und war meistens auch recht lustig.

Wenn ich an so manche Fahrten denke … einmal habe ich von unserer Bezirksstadt Suhl bis nachhause, das sind nur ca. 36 Kilometer, tatsächlich 5 Fahrzeuge gebraucht! Ein B 1000 nahm mich bis Erlau mit. Es waren zwei Männer, die für Kinder in einem Ferienlager Verpflegung besorgt hatten. Weiß ich noch ganz genau, die waren total lustig drauf. Die beiden saßen auf den vorderen beiden Sitzen, hinten waren keine Sitze drin – lach, nur Getränkekisten und Kartons mit Essen und dazwischen saß ich auf dem Boden. Weiter ging es von Erlau bis Schleusingen, von Schleusingen bis Hildburghausen, von Hibu bis Leimrieth und der letzte Fahrer wollte eigentlich nach Römhild fahren, erbarmte sich aber und fuhr extra den Umweg über unser Dorf. Ich kam immerhin eine gute Stunde vor dem Bus an, die Sonnabend-Mittag-Suppe war noch warm und es hat mich keine müde Mark gekostet.

Ein anderes Mal wollte ich mit Fexen, meiner Schulfreundin, von der Kreisstadt nachhause zu einer Zeit, wo halt grad kein Bus fuhr. Am Ortsausgang stellten wir uns hin und naja, übliche Prozedur, Daumen hoch und so. Es hielt auch gleich ein Auto, wir machten die Tür auf und drin saß … unser Schuldirektor! Wir wussten nicht so recht, wie wir reagieren sollten, grüßten erst mal höflich und fragten anstandshalber, ob wir denn mitfahren dürften. Er meinte, sonst hätte er ja nicht angehalten. Da war die Sache für uns geritzt und wir hatten es wieder mal geschafft.

Während meiner Fachschulzeit fuhr ich immer Sonntagabend los Richtung Schmalkalden, weil ich sonst Montag früh um 5:00 in der Kreisstadt den Zug hätte nehmen müssen, aber um diese Zeit noch kein Bus dorthin fuhr. Sonntag fuhr der Zug allerdings nur bis Wernshausen, dann war Pumpe. Ich musste aber weiter bis nach Schmalkalden. Jede Woche das gleiche Dilemma – es gab keinen Anschlusszug und auch kein Bus fuhr nach Schmalkalden. Also liefen wir (meistens waren wir zu dritt oder zu viert, alles angehende Kindergärtnerinnen) über die Zwick und probierten unser Glück mit dem Daumen. Fortuna war uns immer hold, und das, obwohl wir ein Haufen „Marschgepäck“ mit uns führten: Reisetasche bzw. Rucksack, Schulbücher und jeder seine Gitarre, denn am Wochenende wurde auch zuhause gelernt und geübt. Abenteuerlich war es in der dunklen Jahreszeit, da sahen wir nur die Lichter, aber nicht, WAS für Fahrzeuge ankamen . Einmal hielt die Polizei an und hat uns „aufgesammelt“. Och, waren die freundlich, wir haben alle in das Auto rein gepasst und sie haben uns tatsächlich bis vor unsere Internatstür gefahren. Wir waren drauf und dran, mit ihnen einen Deal für den nächsten Sonntag und alle darauffolgenden aus zu machen, haben uns dann aber doch nicht getraut.

In den Semesterferien bin ich mal durch die Thüringische Rhön getrampt, ach, das war auch schön. Morgens noch nicht wissen, wo man abends landet, bleiben, wo es einem gefällt – das war genau das Richtige für mich.

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Am Wochenende war immer irgendwo Tanz. Als wir mal nachts nach dem Tanz heim gelaufen sind (das haben damals fast alle so gemacht, waren ja nur knappe 6 Kilometer), hörten wir in der Ferne ein Motorengeräusch. Die Füße haben uns vom vielen Tanzen wehgetan, wir waren müde und sehnten uns nach dem Bett. Wir hofften, das Auto würde an der Abzweigung nicht in Richtung Römhild fahren und blieben lauschend mitten auf der Straße stehen. Wer „wir“ war, weiß ich nicht mehr, mit mir auf jeden Fall so etwa sechs bis acht Jugendliche aus unserem Dorf. Das Auto bog nicht ab. Wir jubelten und machten uns bereit (Übrigens hatten wir in einer anderen Nacht schon mal getestet, dass in einen 12er Wartburg notfalls 13 Leute rein passen, wenn man es geschickt anstellt und den Kofferraum mit nutzt. Man sollte sich aber sicher sein, dass die Volkspolizei nicht irgendwo stand und kontrollierte – oh oh – oder vorher die Nummernschilder runter machen und schneller sein, als die VOPOS – lach). Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, also: Als das Auto näher kam, dem Geräusch nach musste es ein größeres Auto sein, sehen konnten wir es in der stockdunklen Nacht ja nicht, winkten wir und hüpften auf der Straße herum, der Fahrer musste einfach anhalten, was wollte er auch anderes tun bei so einer wild gewordenen Horde – lach. Wir hatten großes Glück: Es war ein W 50 und wir passten alle hinten drauf. Um diese Zeit ein Auto zum Mitfahren zu kriegen, das war schon ein kleines Wunder. Wir erfuhren dann, dass in der Stadt ein Güterzug angekommen war und der Fahrer (übrigens aus unserem Dorf kommend) Bereitschaft beim WTB (= Waren des täglichen Bedarfs) hatte und zum Entladen an den Bahnhof musste. Es war so ca. 1:30 Uhr, als er Feierabend hatte und sich auch auf sein Bett freute. Dann hat er uns aufgegabelt und mitgenommen, wer lässt denn auch Leute aus dem eigenen Dorf stehen! Was für ein netter Mensch! Mit diesem netten Menschen bin ich übrigens verheiratet – das hat sich aber erst Jahre später ergeben und ist eine ganz andere Geschichte – grins.

Einmal war ich mit meinem Freund unterwegs. Wir wollten spontan eine Woche irgendwo zelten, alles war gepackt, wir wussten nur noch nicht wohin. Also haben wir früh morgens den Atlas aufgeschlagen und ich hab mit geschlossenen Augen reingetippt, mein Finger landete in der Nähe von Eisleben. Wir fanden sogar einen See in der Nähe, also stand unser Ziel fest: Süßer See. Erst fuhren wir mit dem Bus, dann mit dem Zug, das letzte Stück bis zum Ziel mussten wir trampen. Wenn ich daran denke, muss ich jedes Mal laut lachen. Mein Turnschuh ging unterwegs auf und als ich mich zum Zubinden mit dem schweren Rucksack, Schlafsack oben drauf usw. bückte, kriegte ich irgendwie das Übergewicht und kippte kopfüber die Böschung hinunter. Eine lehrreiche Erfahrung – lach. Hat nicht wehgetan. Doch, hat. Der Bauch hat mir wehgetan. Und wie! Vom vielen Lachen hinterher. Auf jeden Fall kam dann ein Auto, das uns mitnahm bis zum Zeltplatz. Der Fahrer war gut drauf. Sehr gut. Er war nicht allein. Er hatte einen sitzen, aber was für einen! Leider merkten wir das erst, als wir schon drin saßen. Wir waren heilfroh, als wir diese Fahrt hinter uns hatten.

In den ganzen Jahren, die ich per Anhalter gefahren bin, hat mich nie jemand danach gefragt, ob ich versichert bin oder nicht. Man ist halt einfach immer mitgenommen worden ohne große Fragen und ehrlich gesagt habe ich mir nie einen Kopf um meine Sicherheit gemacht. Auch ich habe immer Leute mitgenommen, die an der Straße standen, weil ich weiß, wie es ist, wenn man an der Straße steht und die Autos einfach vorbei fahren. Das letzte Mal, als ich jemanden mitnahm, ist noch gar nicht so lange her – ein Tramper, der in Rodach stand und nach Coburg zum Zug wollte. Er hätte mein Sohn sein können und ich hatte ein gutes Gefühl. Was hat er sich gefreut!

Und neulich in Berlin – da stand eine an der Straße am ZOB, höchstens 20 Jahre alt, mit ihrem selbst gemalten Schild „Leipzig“ und die Autos fuhren vorbei … Ich hoffte, sie hatte noch Glück.

Mit „Jugendtourist“ nach Bulgarien

2015

Neulich schrieb ein Freund, dass er für seine Familie zum Mittagessen Schopska-Salat zubereitet. Sofort musste ich an Bulgarien denken und meine zwei Reisen in dieses Land, beide zu DDR-Zeiten über Jugendtourist, beide schön und wert, sich daran gerne und mit einem Schmunzeln zu erinnern. Damals habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Schopska-Salat gegessen – hmm, lecker!

1989

Am Abend vor meiner Abfahrt musste ich mir noch einen Vortrag von meiner Mutter anhören, dass ich ja nicht leichtsinnig sein und „das mit dem Fallschirm“ auf keinen Fall machen sollte, weil es bestimmt gefährlich wäre. Ich hatte nach meiner letzten Reise davon geschwärmt und war keineswegs abgeneigt, das mal auszuprobieren. Natürlich sagte ich das meiner Mutter nicht, ich würde es ihr sowieso erst hinterher erzählen 😉 („Das mit dem Fallschirm“ = mit Hilfe eines Motorbootes an einem Fallschirm über dem Meer schweben)

Nun saß ich im Zug nach Berlin-Schönefeld und erinnerte mich an meine erste Reise nach Bulgarien. Das war im Mai 1985. Zwei Wochen Slanchev Bryag am Sonnenstrand in der Nähe von Nessebar. Wie würde es wohl dieses Mal werden? Immerhin würde mich der erste Teil der Reise wieder in diesen Badeort führen. Ich schloss meine Augen und ließ meine Gedanken vier Jahre zurück wandern …

1985

Hochzeitsreise. Wir kannten niemanden in unserer Reisegruppe. Erst im Transitbereich vor dem Abflug lernten wir flüchtig ein Pärchen in unserem Alter kennen – prima – vielleicht konnte sich daraus eine Urlaubsbekanntschaft entwickeln und ich hoffte insgeheim, sie hätten nichts gegen eine Runde Skat ab und zu.

Unsere Unterkunft in Slanchev war recht einfach, aber für uns vollkommen ausreichend. Es war immer besser, vorher nicht allzu hohe Ansprüche und Erwartungen zu haben. Wir hatten einen kleinen, sehr spärlich eingerichteten Bungalow, der aus einem einzigen Raum bestand und sich auf einem großen Campingplatz befand. Links und rechts an der Wand neben der Eingangstür befand sich je ein Fenster (ohne Mückenschutz). Es war gerade mal Platz für zwei Betten – eins davon stand rechts an der Außenwand, das andere links an der Außenwand, dazwischen war ein knapper Meter Platz. Ein kleiner Tisch und zwei Stühle, ein Spiegel, KEIN Schrank. Unsere Koffer hatten wir unter das Bett geschoben. Wenn wir etwas heraus nehmen wollten, dann mussten wir das nacheinander tun. Zu den Toiletten und Gemeinschaftsduschen hatten wir etwa 50 Meter zu gehen, wenn es eilig war, sind wir halt schneller gelaufen. Meistens mussten wir rennen 😉 Gegen Mitte der 2. Woche haben wir das Essen dann ganz gut vertragen und konnten den Gang zum Örtchen entspannter gehen. Frühstück und Abendessen gab es in einem nahe gelegenen Speisesaal. Das Essen war nicht besonders abwechslungsreich, aber wir sind satt geworden. Tagsüber haben wir uns manchmal frisch  gebratenen Fisch gekauft, den gab es sehr günstig, total lecker und direkt vom Rost herunter. Zum Strand war es nicht weit, vielleicht 200 Meter. Er war für uns einfach traumhaft, feiner Sand, das Wasser sauber, angenehme Badetemperatur – herrlich!

Mit den Toiletten hatte ich anfangs meine Probleme. Eigentlich gab es auf dem Campingplatz gar keine richtigen Toiletten in den Sanitärbereichen. Die Duschen und WC´s erinnerten eher an Wellblechhütten. Die Wände hatten einen gewissen Abstand vom Erdboden, so dass man von außen immer die Füße der Menschen sehen konnte, die sich gerade darin aufhielten. Das fand ich ziemlich gewöhnungsbedürftig. Die Toiletten waren gefliest und hatten jeweils ein Loch von ungefähr 10 Zentimeter Durchmesser (+/- … kann mich nicht genau erinnern) im Boden. An der Seitenwand war ein Griff zum Festhalten und hinter dem Loch kam bis auf eine Höhe von ca. 1 Meter ein Rohr aus dem Boden, auf dem sich oben der Spülknopf befand und vorne dran, wie bei einem Wasserhahn, eine nach unten zeigende Öffnung. Wenn man den Spülknopf betätigte, kam das Spülwasser aus dieser Öffnung mit reichlich Druck herunter gespritzt in Richtung Loch. Es war keine gute Idee auf die Toilette zu gehen, wenn gerade mehrere Leute duschten, denn dann reichte das Wasser oft nicht für die Spülung. Auch war es von Vorteil, vor der Betätigung des Spülknopfes zuerst die Tür der Toilette zu öffnen, damit man schnell hinaus springen konnte, bevor das Wasser herunter spritzte, denn die Toilettentür ging nach innen auf. Andernfalls konnte es passieren, dass man dem Wasserstrahl und dem, was er mit seinem Druck wegspülen sollte, nicht ausweichen konnte und sich hinterher die Unterschenkel waschen musste.

Leider hatte ich noch nie vorher die Gelegenheit gehabt „Lochgeschäfte“ zu üben, entwickelte aber schnell eine relativ gute Treffsicherheit. Manchmal gönnten wir uns den Luxus und benutzten die stillen Örtchen gepflegter Restaurants, auch wenn wir dafür blechen mussten.

Abends oder am Strand spielten wir manchmal Skat. Ich hatte es erst vor einiger Zeit gelernt und wollte jede Gelegenheit zum Üben nutzen. Die Frau des anderen Pärchens hatte keinen Bock zum Skat spielen. Sie wollte es auch nicht lernen. Leider. Sie zickte deshalb ab und zu, also gaben wir nach und machten, was sie gerne wollte. Meistens waren wir uns aber einig und verbrachten zwei wirklich schöne Wochen zusammen.

Damals habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Schopskasalat gegessen. Hmmmm – lecker!

1989

Ich guckte auf die Uhr. Der Zug näherte sich dem Flughafen Berlin-Schönefeld. Diesmal reiste ich alleine. Der Mann, den ich 1985 geheiratet hatte, war nicht mehr dabei, er hatte sich eine andere Frau gesucht. Ich hatte noch keinen neuen gefunden und meine Bekannte, mit der ich zusammen verreisen wollte, hatte kurz vor Antritt der Reise abgesagt. Auf meinen Bulgarienurlaub wollte ich aber nicht verzichten. Ich war froh, dass ich die Reise über Jugendtourist ergattert hatte und Anschluss würde ich in der Reisegruppe schon finden.

Ich zwängte mich im schmalen Gang des Zuges mit meinem Koffer Richtung Ausgang. Vor mir stand ein gut aussehender Mann in meinem Alter, auch mit Koffer. Ob er auch in den Urlaub fliegen will? Und wenn ja wohin? Nachdem er ausgestiegen war, nahm er mir meinen Koffer ab und trug ihn aus dem Zug. Das fand ich sehr nett von ihm.

Am Flughafen Schönefeld angekommen, kaufte ich mir zur Sicherheit noch ein paar zusätzliche Filme für den Fotoapparat. Hinter mir standen zwei Frauen. Eine sagte zu mir, dass ich mich von der Mundart her anhören würde, als ob ich aus dem Bezirk Suhl komme und dass sie eine Reisegruppe aus diesem Bezirk suchen würden, die heute nach Burgas fliegt. Ja, sagte ich, das könnte meine Reisegruppe sein. Und schon hatte ich Anschluss gefunden. Elke, Ina und ich waren von diesem Zeitpunkt an für zwei Wochen fast unzertrennlich. Beim Check in stellte sich heraus, dass mein Kavalier aus dem Zug auch in unserer Reisegruppe war. Was für ein Zufall! Er reiste ebenfalls allein 🙂

Die Reise führte uns zunächst für eine Woche an den Sonnenstrand nach Slanchev, danach ein paar Tage ins Rilagebirge und zum Schluss in die bulgarischen Rhodopen nach Pamporovo. Wir waren gespannt! In der ersten Unterkunft gab es Dreibettzimmer – das passte gut, allerdings wieder mal Gemeinschaftsduschen für alle Urlaubsgäste der ganze Etage. War man ganz schnell, dann hatte man 1. warmes Wasser und musste 2. nicht anstehen.

Da ich mich in Slanchev schon bestens auskannte, zeigte ich Ina und Elke die ganze Bucht bis nach Nessebar. Meistens hatten wir einen „Schatten“ mit zwei Beinen dabei, der Süße aus dem Zug 😉 Aber wir waren nun mal zu dritt und verstanden uns prima, deshalb war er für uns tabu, es wär vielleicht sonst kompliziert geworden. Wir nahmen ihn in unserer Frauenrunde auf, gaben ihm den namen Burli und tolerierten großzügig seine fast ständige Präsenz – grins.

Gleich am zweiten Tag wagte ich „das mit dem Fallschirm“. Es war für uns relativ teuer, aber ich hatte es mir nun mal in den Kopf gesetzt es auszuprobieren. Wir guckten erst eine Weile zu. Keine einzige Frau war vor uns dran. Nach dem Bezahlen gab es für Ina und mich kein Zurück mehr. Elke wurde als Fotografin eingesetzt, um unsere mutige Tat bildlich zu dokumentieren. Die Sache lief folgendermaßen ab: Ich bekam eine Schwimmweste an und Gurte um den Körper geschnallt bzw. musste mit den Beinen hinein steigen.

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Hinter meinem Rücken führten ein paar Seile zum Fallschirm, der von zwei Männern bis über ihre Köpfe hochgehalten wurde. Vorne an meinem Körper wurde das Seil mit Karabinerhaken in meinen Gurt eingehakt, das andere Ende des Seils lag als großer Haufen ein ganzes Stück vor mir in Richtung Meer und das Endstück ging von dort aus bis zu einem Motorboot, das am Strand startbereit wartete. Als ich vorschriftsmäßig von vorne und hinten angeseilt war, entfernte sich mein Seilermeister und ich stand ganz allein da, vor mir in Richtung Meer lag der Haufen Seil am Strand und das Boot im Wasser, hinter mir der hoch gehaltene Fallschirm, der sich im Wind leicht blähte. Dann fuhr das Boot los, zog das Seil hinter sich her und der Haufen wurde immer kleiner. Als sich das Seil vor mir straffte, musste ich unweigerlich ein paar Schritte mitspringen, dann spannten sich auch hinter mir die Seile und mit einem kräftigen Ruck wurde ich ziemlich schnell nach oben in die Luft gezogen.

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Es nahm mir richtig den Atem, doch es war genial! Dann ging es raus auf`s Meer. Ich war ziemlich weit oben und unter mir sah ich Tretboote und andere Boote im Wasser. Ich hab es sehr genossen. Der Blick auf das Meer, den Sonnenstrand und die Bucht aus dieser Perspektive waren toll! Keine Ahnung, wie lange das Schweben da oben gedauert hat. Irgendwann stoppte der Motor des Bootes, ich schwebte nach unten und platschte unsanft ins Meer. Bevor das Boot kam und die Besatzung aus zwei braungebrannten Jungs mich und meinen Fallschirm aus dem Wasser fischten, hatte ich damit zu tun, meinen Badeanzug irgendwie zu richten. Er war durch den Sprung ins Wasser total verleiert und einige Körperteile, die besser bedeckt sein sollten, mussten schnell wieder mit Stoff bedeckt werden.

Auf jeden Fall war ich total begeistert und hätte es am liebsten gleich nochmal gemacht. Aber zwei Mal viel Geld ausgeben für das relativ kurze Vergnügen, fand ich dann doch nicht so gut.

Unser „Schatten“. Er war wirklich sehr nett. Wir konnten uns gut mit ihm unterhalten. Auch hatte er ein besonderes Talent, uns wunderbar die Sonnencreme einzumassieren, da hatte er echt ein Händchen dafür. Leider habe ich seinen Namen vergessen, vielleicht Jörg? Egal, wir nannten ihn ja sowieso nur noch „Burli“.

Manchmal wollten wir drei Mädels allerdings auch mal alleine los. Das hat ihm nicht so wirklich gefallen. Aber da musste er durch. Bei einem unserer kleinen Ausflüge zu dritt lernten wir zwei Autohändler aus Westdeutschland kennen. Sie stammten aber ursprünglich aus anderen Ländern, ich glaube der eine von ihnen war aus Jemen. Wir fanden das sehr exotisch und spannend. Natürlich war es für uns DDR-Bürger streng verboten, während einer Jugendtouristreise Kontakt zu Bürgern aus dem imperialistischen Ausland aufzunehmen. Schließlich war das ja unser Klassenfeind. Das war uns allerdings reichlich egal, als wir etwas später im weißen Golf Caprio der beiden saßen und uns durch Slanchev chauffieren ließen.

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Dumm nur, dass uns jemand beim Reiseleiter verpetzt hat und wir uns dafür verantworten mussten. Wir versprachen ihm hoch und heilig, uns nicht mehr mit ihnen zu treffen und gingen noch am gleichen Abend, unartig wie wir waren, mit den beiden ins Casino, wo wir als DDR-Bürger sonst nie rein gekommen wären, wir hatten ja auch nicht die richtige Währung dafür. Diese Gelegenheit konnten wir jedenfalls unmöglich sausen lassen! Außerdem war es schon dunkel, als wir aufbrachen und im Casino würde ganz bestimmt keiner von unserer Gruppe sein, der uns verpetzen könnte. Ach, war das ein aufregender Abend! Vom VORHER möchte ich nur soviel schreiben, dass uns die Frage, was man in einem Casino anzieht, den ganzen Nachmittag lang sehr beschäftigte. Ich hatte mich letztendlich für einen rosafarbenen Overall (ROSA!!!) aus leichtem Jeansstoff entschieden, den ich mal abgelegt von einer Bekannten aus dem Westen geschickt bekommen hatte und den ich für mein Leben gerne trug. Mit breitem, schwarzen Gürtel aus Smokgummi und riesiger Schnalle vorne dran sowie unübersehbarem Modeschmuck, beides bei einer meiner letzten Reisen auf einem polnischen Markt erworben, hielt ich mein Outfit für geeignet.

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Es gab eine Varieté-Vorstellung, Snacks, Sekt, Tanz und beim Roulett hatte ich richtig Glück. Es war eine vollkommen neue Welt, die wir erlebten. Wie im Rausch flogen die Stunden an uns vorbei. Keiner der anderen aus unserer Reisegruppe hat was mitgekriegt – zum Glück! Wahrscheinlich hätten wir unsere einem Bürger der DDR unangemessene Freizeitgestaltung wieder vor dem Reiseleiter verantworten müssen und eventuell nie wieder so eine Reise bekommen. Am Ende des Abends hatte ich richtig viel Geld -DM!!! gewonnen, also echtes Westgeld – mir war ganz schwindelig vor lauter Reichtum. Anfängerglück! Leider hatte ich nicht lange Vergnügen daran. Unsere beiden Begleiter haben es mir in Leva umgetauscht, ich glaube, sie hatten auch ein bisschen Schiss vor eventuellen Folgen. In einem Plattenladen in Sozopol erwarb ich dafür etliche Lizenzschallplatten und noch jede Menge Mitbringsel (Keramikzeugs, verzierte Holzkästchen, ein kleines Schlauchboot usw.) für Familie und Freunde. Die Schallplatten habe ich übrigens beim Rückflug unter einigen in der Reisegruppe verteilt und in Berlin wieder eingesammelt, damit ich keine Schwierigkeiten mit dem Zoll bekomme.

An einem anderen Tag nahmen die beiden Männer uns mit in ihr Hotel „Kuban“. Wir staunten über die Zimmer, die ein eigenes Bad, einen kleinen Kühlschrank mit Getränken und einen Balkon mit herrlichem Blick auf den Strand hatten –  was für ein Luxus gegenüber unserer Unterkunft. Trotzdem fühlten wir uns unwohl. Irgendwie gehörten wir da nicht hin und verabschiedeten uns recht schnell wieder …

Das Abendessen nahmen wir immer in der Nähe unserer Unterkunft in einem  Saal ein, der über zwei Etagen verfügte. In der Mitte befand sich eine Tanzfläche, außen herum waren die Tische zum Essen angeordnet. Über eine große Treppe gelangte man hoch auf eine Art Galerie, wo weitere Tische mit Blick auf die Tanzfläche  standen. Im vorderen Bereich befand sich ein kleines Podest, auf dem eine Band abends für die Gäste Livemusik spielte. Zu den Mahlzeiten war der Saal immer voller Menschen. Die ältere Generation verbrachte den Abend oft dort bei der Tanzmusik der Band, wir gingen meist woanders hin.

An einem Nachmittag kamen Elke, Ina und ich zufällig an dem Saal vorbei und hörten Musik. Wir guckten mal nach und sahen die Band bei der Probe. Sie winkten uns herein. Wir konnten uns kaum verständigen, durften aber mal die Instrumente ausprobieren. Elke konnte Schlagzeug spielen und ich Gitarre. Ganz spontan spielten wir ein paar bekannte Songs, Bassist und Keyboarder passten sich uns an – es hörte sich gar nicht mal so schlecht an. Wir fanden das total aufregend und beschlossen am Abend zwei Stücke zu spielen, es aber vorher den anderen aus der Reisegruppe nicht zu verraten. Die Band war einverstanden. Wir einigten uns auf „As tears go by“ von den Rolling Stones für die junge Generation und „My bonnie is over the ocean“ zum Schunkeln für die älteren Leute. Den Rest des Tages waren wir total aufgeregt. Lampenfieber pur! Dann war da wieder mal die Frage, was wir anziehen sollten. Schließlich entschieden wir uns für die Marke „nix besonderes“ – eine sehr große Auswahl an Klamotten hatten wir eh nicht dabei. Zur Essenszeit strömten alle in den Saal. Wir hatten Herzklopfen ohne Ende und mussten so tun, als ob alles so ist wie immer. Als alle da waren, die Band sich unter den Blicken der Gäste langsam bereit machte und sich auf ihr Podest begab, sagte ich ganz forsch in unsere Runde: Wisst ihr was? Ich spiel heut auch mal in der Band mit. Elke sagte: Ich bin dabei. Alle lachten. Einer sagte: So seht ihr aus! Haha! Ich spielte erstmal beleidigte Leberwurst. Dann sagte ich: wetten? Und ein paar gingen darauf ein. Ein Teller ging herum und ein paar Leva sammelten sich darauf. Nun MUSSTEN wir spielen. Trotz des Lampenfiebers. Also gingen wir mit weichen Knien Richtung Band, die uns schon belustigt entgegen sahen. Wir taten so, als ob wir mit ihnen reden würden, sie nickten eifrig. (War alles vorher so ausgemacht worden) Als sich Elke hinter das Schlagzeug setzte und ich die Gitarre nahm, ist dann doch einigen der Kinnladen runter geklappt, weil wir tatsächlich ernst machten. Die hatten ja keine Ahnung, wie wir innerlich geschlottert haben. Von unserer heimlichen Probe am Nachmittag wussten sie natürlich auch nichts. Dann haben wir einfach losgelegt, erst „As tears go by“ und dann hat der ganze Saal mitgesungen und geschunkelt bei „My bonnie …“.

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Schade, dass wir nur dieses eine Foto haben und wir sind gar nicht richtig zu erkennen. Egal. Auf jeden Fall hatten wir unseren Spaß und es war gar nicht so schlimm, dachten wir hinterher, als alles vorbei war und die Leute uns mit Beifall belohnten, ob ich mich ein paar Mal in der Aufregung verspielt hatte und ich eigentlich eher schlecht Gitarre spielen kann. Die Band hat uns dann eingeladen zur „Extra-für-uns-After-Show-Party“. Und das war das Beste an dem Abend.

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Eigentlich schade, dass unsere Woche am Meer so schnell vorbei war.

Im Rilagebirge waren wir in einem schönen, aber recht abgelegenen Hotel untergebracht. Die Zimmer waren groß, viel Holz und – welch Glück – drei Betten drin! Unser „Schatten“ war nun wieder öfter um uns rum. Er war froh, dass wir wieder mehr Zeit mit ihm verbrachten. Im Gebirge war es sowieso gut, einen starken Beschützer zu haben, wo es da doch Bären und Wölfe gibt (wir haben aber keine gesehen oder gehört).

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Wir wanderten bei herrlichem Wetter und im Rila-Kloster begegnete ich einem Mönch, der sehr gut deutsch sprach. Er fragte nach meiner Herkunft und er erzählte, dass er Thüringen gut kennt und eine Zeit lang in Schmalkalden verbracht haben. So ein Zufall! Wie ich auch, nur zu einer anderen Zeit.

Die letzte Station unserer Reise war Pamporovo. Wir hatten ein für unsere Verhältnisse tolles Hotel mitten in der Stadt, sogar mit eigenem Badezimmer. Das Hotel hatte allerdings einen Nachteil für uns Mädels: Es gab nur Zweibettzimmer. Elke und Ina nahmen natürlich eins zusammen, schließlich kannten sie sich schon ewig und hatten ja die Reise zusammen gebucht. Da man bei Jugendtourist keinen Anspruch auf Einzelzimmer hatte und auch keins verfügbar war, musste ich also ein Zimmer mit jemandem aus der Reisegruppe teilen. Es war nur eine weitere Person allein reisend – unser „Schatten“. Also teilte ich mir zwangsläufig mit unserem Burli ein Zimmer für die letzten drei Nächte.

Im Winter wäre es in Pamporovo mit seinen Skipisten bestimmt interessanter gewesen. Als wir mit dem Sessellift bis hinauf zum Fernsehturm auf dem Snejanka-Gipfel fuhren, stellte ich mir vor, wie die Piste unter mir im Winter vor lauter Skifahrern wimmeln würde.

Von der Aussichtsplattform des Fernsehturms konnten wir bis nach Griechenland gucken. Die Grenze nahm ich als gerodete Schneise durch den Wald wahr. Ich fand die Grenze sehr nah und nicht wirklich streng gesichert, so wie ich das von der Staatsgrenze der DDR her kannte. Aber vielleicht täuschte das auch. Jedenfalls konnte ich sagen, ich habe Griechenland gesehen (zumindest ein ganz kleines Eckchen davon). Also ehrlich gesagt, war ich total von den Socken, dass ich bis nach Griechenland gucken konnte. Das war für mich und einige andere aus der Reisegruppe etwas Besonderes!

Ein paar Monate später öffnete sich dann der „Eiserne Vorhang“ für uns, daran habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht zu glauben gewagt. Es war immer nur die heimliche Sehnsucht nach der Ferne da …

Die Tage in der Stadt waren trocken und heiß. Es gab keine Abkühlung und wir vermissten sehr das Schwarze Meer. Wenigstens gab es einen Springbrunnen …

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Die Nächte in Pamporovo waren nicht weniger heiß. Aber das lag wohl eher an dem Zweibettzimmer und dem süßen „Schatten“ und so weiter … 😉